DZPhil, Akademie Verlag, 57 (2009) 6, 831-844 Körperbewusstsein und Handeln Von RICHARD SHUSTERMAN (Boca Raton) I. So wie körpergebundenes Handeln ist auch Körperbewusstsein ein generelles Merkmal menschlichen Lebens. Körperbewusstsein ist meiner Auffassung nach nicht allein das Bewusstsein, das ein Geist vom Körper als einem Objekt haben mag, sondern es beinhaltet das körpergebundene Bewusstsein, das ein lebender, empfindungsfahiger Körper sowohl auf die Welt richtet als auch an sich selbst erfahrt (und wodurch er sich in der Tat als Subjekt wie als Objekt zu erleben vermag). Weil der Ausdruck „Körper" allzu oft dem Geist gegenüber- gestellt und genutzt wird, um empfindungsunfahige, leblose Dinge zu bezeichnen, weil ande- rerseits der Ausdruck „Fleisch" in der christlichen Kultur so negative Assoziationen hervor- ruft und sich darüber hinaus nur auf den fleischlichen Teil des Körpers konzentriert, habe ich den Terminussoma soma gewählt, um den lebenden, fühlenden, dynamischen und wahrnehmenden Körper zu bezeichnen, der dem somästhetischen Projekt zu Grunde liegt. 1 Zu diesem Projekt gehört die Untersuchimg von Gründen und Methoden für die Schär- fung des eigenen somatischen Bewusstseins, die den Selbstgebrauch und damit die Realisie- rung traditioneller philosophischer Zielvorstellungen - Erkenntnis, Selbsterkenntnis, Tugend, Glück und Gerechtigkeit - befördern. Somatisches Bewusstsein gibt es auf verschiedenen Niveaus: Die elementarste Form einfacher Körperintentionalität ließe sich paradoxerweise als ein Niveau „unbewussten Bewusstseins" beschreiben: Gemeint ist die Art beschränkter, dunkler Wahrnehmung, die man während des Schlafes zeigt, etwa wenn man intentional (aber unbewusst) ein Kissen zur Seite rückt, das einen beim Atmen stört. 2 Jenseits dessen gibt es Für eine erste Fassung dieses Projekts vgl. R. Shusterman, Practicing Philosophy: Pragmatism and the Philosophical Life, New York 1997; ders., Somaesthetics: A Disciplinary Proposal, in: Journal of Aesthetics and Art Criticism, 57 (1999), 299-313; ders., Performing Live, Ithaca 2000. Ausarbei- tungen dieses Projekts und kritische Diskussionen dazu bieten zum Beispiel: M. Jay, Somaesthetics and Democracy: Dewey and Contemporary Body Art, in: Journal of Aesthetic Education, 36 (2002), 55-69; E. Mullís, Performative Somaesthetics, in: Journal of Aesthetic Education, 40 (2006) 104— 117; S. Sullivan, Transactional Somaesthetics, in: dies., Living Across and Through Skins, Bloo- mington 2001; C. Heyes, Somaesthetics for the Normalized Body, in: dies., Self-Transformations, Oxford 2007; W. Malecki, Von nicht diskursiver Erfahrung zur Somästhetik: Richard Shusterman über Dewey und Rorty, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 56 (2008), 677-690. Ebenfalls sollte beachtet werden, dass es offenbar auch während des Schlafes verschiedene Be- wusstseinsniveaus gibt. Während des Non-REM-Schlafes, „insbesondere während der ersten Nacht-