Soziale Systeme 2020; 25(2): 354–376 Sven Opitz* Atmosozialität: Ökologien des Atmens nach COVID-19 https://doi.org/10.1515/sosys-2020-0027 Zusammenfassung: Die Kontroverse um die aerogene Übertragbarkeit von SARS- CoV-2 hat den Blick auf Atmosphären als Ökologien des Atmens gelenkt. Auf diese Weise ist die elementare Dimension des gesellschaftlichen Lebens hervorgetre- ten: der Umstand, dass sich das Soziale nicht einfach an der Luft, sondern in und durch Luft vollzieht. Der Artikel bringt diesen Sachverhalt auf den Begriff der Atmosozialität. Drei Aspekte werden herausgearbeitet: Erstens hat das Atmosozi- ale eine voluminöse Gestalt. Es übersteigt „Territorien des Selbst“ (Goffman) und ruiniert deren Ordnungsversprechen. Zweitens verfügt das Atmosoziale über eine turbulente, spekulativ gesättigte Konstitution. In ihm verbindet sich die schwer kalkulierbare Flüssigkeitsdynamik des respiratorischen Lebens mit der affektiven Dynamik ungewisser atmosphärischer Begegnungen. Drittens besitzt das Atmo- soziale eine wolkige Verfassung, die etablierte Modelle der Relationalität (Inter- aktion, Netzwerk) herausfordert. Es umschreibt die Ko-Habitation durchlässiger Körper in Milieus, in denen es ausreicht, nebeneinander zu leben, um Intimitäten des Atmens zu teilen. Um diese drei Aspekte des Atmosozialen zu entfalten, wird das Atmosphärenwissen der Umweltwissenschaften, der Physik und der Belüf- tungsingenieure auf seine sozialtheoretischen Implikationen hin gelesen. Im Zuge dieses Vorgehens revidiert der Artikel disziplinäre Vorannahmen darüber, was einen soziologischen Tatbestand ausmacht. *Korrespondenzautor: Prof. Dr. Sven Opitz, Philipps-Universität Marburg, Institut für Soziologie, Ketzerbach 11, D-35032 Marburg; e-mail: sven.opitz@uni-marburg.de Anmerkung: Für hilfreiche Rückmeldungen danke ich den Teilnehmer:innen des von Katharina Liebsch und Katharina Hoppe organisierten Plenums „Pandemische Biosozialitäten“, der von Ute Tellmann und mir organsierten Ad hoc-Gruppe „Terrestrische Existenzweisen: Vitale Räume in der ökologischen Krise“, der von Carolin Mezes, Andrea Wiegeshoff und mir organsierten Konferenz „Securing Epidemic Ecologies“ sowie der von Awadhendra Sharan und Prathama Banerjee organisierten Gastvorlesung am Centre for the Study of Developing Societies in Delhi. Wertvolle Anregungen habe ich ferner im Austausch mit Emma Garnett und Projit Mukharji er- halten. Mein besonderer Dank für eine ausführliche Kommentierung einer englischsprachigen Rohfassung des Manuskripts gilt Melanie Kiechle.