„Natürliches Driften" im Lautwandel:
die Monophthongierung im österreichischen Deutsch*
Sylvia Moosmüller und Ralf Vollmann
Abstract
Can sound changes be predicted? And do they optimize systems, as is often assumed? In
this paper we investigate these questions by looking at a still ongoing sound change in
Austrian German: the monophthongization of the diphthongsyxwvutsrponmlihgfedcbaVPMIF /aε,/ and ,/αο/. Based on a
detailed acoustic phonetic description of the changes of the diphthongs since the late fifties
we show that sound change is triggered by principally predictable circumstances, but its
outcome cannot be predicted due to the complexity of the competing (intra- and extra-
linguistic) factors involved. It is argued that models of evolutionary adaptation cannot
account for these facts, whereas the theory of 'autopoietic systems' (Maturana & Varela
1987) is able to explain the seemingly unpredictable behaviour of the language system.
1. Einleitung
Phonetische und phonologische Variation, in deren Folge es möglicherweise zu
einem Lautwandel kommen kann, ist von einer Reihe von allgemein bekannten
und anerkannten linguistischen und außerlinguistischen Bedingungen abhän-
gig. Implizit beinhalten sowohl die Beschreibung dieser Bedingungen sowie die
Beschreibung der (phonetischen und phonologischen) Variation an sich Fragen
nach den Gründen/der Motivation sowie der Vorhersagbarkeit derartiger
Phänomene.
In Österreich scheint
1
ein Lautwandelprozess im Gange zu sein, für dessen
Beschreibung die bekannten linguistischen und außerlinguistischen Parameter
nicht ausreichen. Doch selbst wenn es gelänge, die unbekannten Parameter zu
benennen, würde die Liste der Parameter nur länger, aber niemals vollständig.
Zusätzlich ist eine komplexe Interaktion der beteiligten bekannten und unbe-
kannten Parameter zu beobachten, die es unmöglich machen, von einem
linearen Voranschreiten des Lautwandelprozesses zu sprechen.
* Wir möchten den Gutachterinnen und Gutachtern für Ihre ausführlichen und
hilfreichen Stellungnahmen danken, die es uns ermöglichten, unklare Punkte zu beseitigen
und unsere Argumente präziser zu formulieren.
1 „scheint" deshalb, weil ein Lautwandel erst nach dessen vorläufigem Abschluss als
solcher bezeichnet werden kann.
Zeitschrift für Sprachwissenschaft 20.1 (2001), 42-65
© Vandenhoeck & Ruprecht, 2001
ISSN 0721-9067