190 BERICHTE VON TAGUNGEN Metropolen im Maßstab. Erzählen mit dem Stadtplan Organisation: Achim Hälter (Münster), Volker Pantenburg (Berlin) und Susanne Stemmler (Berlin) Brecht-Haus, Berlin, 16. bis 18. März 2007 Nach dem >linguistic turn< oder dem >pictorial turn<, in denen die Textualität und Bildlichkeit kultureller Artefakte ins Zentrum gerückt wurden, liegt das Augenmerk in den Literatur- und Kulturwissenschaften verstärkt auf deren Räumlichkeit: In den letz- ten Jahren ist demnach vermehrt vom >spatial turn< die Rede gewesen. Der visuellen Umcodierung von Gegenwartskultur Rechnung tragend, wendeten die Beiträge der Tagung Metropolen im Maßstab ihre Aufinerksamkeit auf die moderne literarische und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema (Groß-)Stadt. Wissenschaftstheore- tisch setzte die Tagung bei der Überkreuzung von >spatial turn< und >pictorial turn< an und stellte sie am konkreten Gegenstand >Stadtplan< auf die Probe. Faktische und fiktive Kartografien von Städten wie Berlin, Paris und New York und ihre Übersetzung in verschiedene künstlerische Medien - Text, Film und bildende Kunst - wurden exemplarisch in den Blick genommen. Die Beiträge entfalteten sich dabei in einem breiten Spektrum, in dem vier Perspektiven erkennbar wurden. Erstens wurden konzeptionelle und poetologische Überlegungen zu möglichen (Stadt-) Raum- und Textanordnungen auf der Matrix eines Stadtplans angestellt: Dieser Betrachtungsmöglichkeit schlossen sich Christian Mosers verweisdichte Lektüren von historischen Ansichtsplänen und planimetrischen Darstellungen in der englischen Lite- ratur vom 17. bis zum 19. Jahrhundert an; wie unter dem genannten Gesichtspunkt die Konzeptkunst der 1960er und 70er Jahre auf den Stadtplan Bezug nahm, fuhrte Volker Pantenburg bildreich vor; Achim Hölters Vortrag Kein Erzählen ohne Stadtplan. Um Michel Butor herum wies neben den vielschichtigen Bezügen zwischen Butors Entwurf des fiktiven Stadtplan »Blestons« und dem Textplan von L 'Emploi du Temps die intertex- tuell vernetzbare Stadtpoetik des Romans nach; Georges Perecs Lust am Stadtplan/am gekerbten Raum/an der Adressierbarkeit war der titelgebende Impuls fur Robert Stockham- mers konzeptionellen Beitrag in Form eines Videos. Oulipistische Anordnungsprinzipi- en verfolgend, entwarf er als Hommage an George Perec und notwendigerweise auf der Grundlage eines Stadtplans (und Straßenverzeichnisses) einen alphabetisch geordneten Spaziergang durch die Straßen Berlins und filmte diesen ab. Die zwangsläufigen Schnit- te, wenn realer Stadtraum und Ordnungsprinzip nicht übereinanderlagen, die kreuzen- den Straßennamen keinen alphabetischen Anschluss gaben und so der lineare Verlauf des Spaziergangs unterbrochen wurde, visualisierte er in einer Zwischenrnontage durch das auf sich selbst zurückreflektierende Abfilmen von Sicherheitskameras, die den Filmenden bzw. die filmende Kamera ins Visier nahmen. So kontrastiert der Film den numerischen, streng geometrischen und alphabetischen Umgang mit Stadtplänen und -räumen, wie George Perec ihn in Especes d'espaces (1974) vorschlägt, mit den ebenfalls in den 1970er Jahren in Paris entstandenen Raumtheorien und Überlegungen zur subver- siven Unterwanderung des gekerbten Raums Henri Lefebvres (Production de l'espace, 1974), Michel de Certeaus (L 'invention du quotidien, 1989), Gilles Deleuzes und Felix Guattaris (Mille Plateaux, 1980).