| 153 FORSCHUNGSJOURNAL SOZIALE BEWEGUNGEN 29. Jg. 3 | 2016 von Rechtspopulisten geschürten Konflikten kaum direkt betroffen. Und dennoch scheint auch sie die globalisierte Postdemokratie zu entfremden. Wie viele unter ihnen werden in den Parolen des neuen Nationalismus einen Ausweg aus dieser Entfremdung sehen? Und wie viele können mit dem Konzept der Zivil- gesellschaft noch etwas anfangen? Colin Crouch ist Soziologe und Politik- wissenschaftler. Er ist Professor Emeritus für Governance und Public Management an der University of Warwick sowie Non-Resident Fel- low am Max-Planck-Institut für Gesellschafts- forschung in Köln. Kontakt: colincrouch@ me.com Anmerkungen 1 Der erste Teil dieses Aufsatzes basiert auf dem Manuskript meines Eröffnungsvortrags beim Bundeskongress Politische Bildung am 21. Mai 2012 im Berliner Friedrichstadt- Palast. Die deutschsprachige Erstfassung des Manuskripts wurde von Björn Bosserhoff korrigiert und überarbeitet. 2 Pressestatement anlässlich des Staatsbesuchs des portugiesischen Ministerpräsidenten Pedro Passos Coelho am 1.9.2011 (bundes- regierung.de). 3 Zitiert nach der Website der Margaret Thatcher Foundation (margaretthatcher.org). 4 Daher kann man auch nicht behaupten, dass der europäische Fiskalpakt ein Beispiel für die Postdemokratie sei (vgl. Crouch 2008), denn solche Maßnahmen schützen mitunter die Demokratie vor sich selbst bzw. vor ihren eigenen Repräsentanten. (Wobei ich hier allgemein Bemühungen zugunsten eines langfristigen fiskalischen Gleichgewichts mei- ne. Die konkreten Folgen des europäischen Fiskalpakts auf einzelne Regierungen waren oft eher schädlich.) Literatur Crouch, Colin 2008: Postdemokratie. Frankfurt: Suhrkamp. Fogg, Karen 2004: Voter Turnout in Wes- tern Europe. Stockholm: International Institute for Democracy and Electoral Assistance. Matthew, H.C.G./McKibbin, Ross/Kay, John 1976: The Franchise Factor in the Rise of the Labour Party. In: English Historical Review, Jg. 91, Heft 361, 723-752. Reich, Robert 1991: The Work of Nations. New York: Knopf. 1 | Woran erkennt man Prosumenten? 1956 veröffentlichte Jürgen Habermas eine Art Pamphlet, in dem er sich strikt dagegen aussprach, Kultur und Konsum seien miteinan- der vereinbar: Während Kultur Anstrengung, Askese und Sammlung erfordere, begnüge sich Konsum mit Entlastung, Lust und Zerstreuung. Es handele sich somit um zwei diametral entge- gengesetzte Erfahrungsbereiche, Kulturkonsum wäre demnach ein Unding (Habermas 1956). Eine derart überzeichnete Karikatur gesteht Konsumenten kaum mehr zu, als primär passiv, unkreativ und selbstgenügsam zu sein, ganz so wie es schon Horkheimer/Adorno vorgemacht hatten: der Konsument als Idiot und Schmarot- Prosumismus und Protest Eine Polemik Kai-Uwe Hellmann Themenschwerpunkt Brought to you by | Cornell University Library Authenticated Download Date | 6/23/17 9:19 AM