© F. Enke Verlag Stuttgart Zeitschrift für Soziologie, Jg. 17, Heft 3, Juni 1988, S. 187-202 Die sozialen Bedingungen der Entstehung von Emotionen Eine Modellskizze Jürgen Gerhards Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Am Reichspietschufer 50, D-1000 Berlin 30 Zusammenfassung: Emotionen sind eine Domäne psychologischer Forschung. Der Artikel versucht, eine genuin soziologische Perspektive auf das Feld der Emotionen zu entwickeln, indem in Form einer Modellskizze die sozialen Bedingungen der Entstehung von Emotionen rekonstruiert werden. Emotionen werden als Ergebnis des Zusammenspiels der Systeme Organismus, Persönlichkeit, Sozialstruktur und Kultur begriffen. Die Rationalität der einzelnen vier Ebenen und das Verhältnis der Ebenen zueinander werden im Rückgriff auf existierende Theoriekon- zepte, deren jeweils ,brauchbare4 Anteile herausgearbeitet werden, beschrieben. Im Fokus einer soziologischen Analyse stehen die Ebenen Sozialstruktur und Kultur. Diese werden mit Hilfe symbolisch-interaktionistischer und austauschtheoretischer Konzepte einer Emotionssoziologie näher bestimmt und aufeinander bezogen. Das vorgestellte Modell wird am Ende mit formulierten Standards für eine ,gute‘ Theorie bewertet. 1. Vorbemerkung Emile Dürkheim hat in seiner klassischen Studie ,Der Selbstmord4 (1972) Hinweise gegeben, wie eine genuin soziologische Bestimmung von Emo tionen möglich ist. Dürkheim unterscheidet be kanntlich vier verschiedene Selbstmordhandlun gen (egoistischer, altruistischer, anomischer und fatalistischer Selbstmord, wobei der letzte Typus nur in einer Fußnote erwähnt und nicht weiter erläutert wird) und setzt diese in einen ursächli chen Zusammenhang mit verschiedenen sozialen Beziehungskonstellationen. Soziale Bedingungs konstellationen auf der einen Seite und unter schiedliche Selbstmordhandlungen auf der ande ren Seite werden vermittelt durch eine subjektive Motivationsebene in Form von subjektiven Be findlichkeiten. Emotionen bilden in dieser Modell konstruktion das psychische Anschlußstück sozial struktureller Bedingungen, sie übernehmen die Funktion einer intervenierenden Variable: Melan cholie, Depression und Apathie sind das Ergebnis der Sozialbedingungen, die für den egoistischen Selbstmord typisch zu sein scheinen (vgl. Dürk heim 1972: S. 339), „ein ruhiges Gefühl erfüllter 1 In den »Regeln der soziologischen Methode4 (1976) wird dieses Vorgehen zum Grundsatz erhoben: „Wir glauben nicht, daß man uns nach diesen Erklärungen noch vorwerfen kann, daß wir in der Soziologie das Innere durch das Äußere ersetzen wollen. Wir gehen von dem Äußeren aus, weil es als einziges unmittelbar gegeben ist, aber mit der Absicht, zu dem Inneren zu kommen44 (Dürkheim 1976: 187). Eine Darstellung der Durkheimschen »Emotionssoziologie4 findet sich in Gerhards (1988c). Pflicht44 (Dürkheim 1972: S. 339) begleitet den altruistischen Selbstmord, Gereiztheit, Wut und Zorn sind emotionale Ergebnisse einer sozialen Unterregulation von Bedürfnissen, eine für den anomischen Selbstmord typische Ausgangskonstel l a t i o n 1. Sicherlich ist die Unterscheidung der verschiede nen emotionalen Lagen nicht sehr differenziert und bleibt u. a. deswegen fragmentarisch, weil sie nicht aus einem theoretischen Zusammenhang ent wickelt wird; immerhin aber entwickelt Dürkheim eine Fragerichtung, die den Bereich der Emotio nen in einen genuin soziologischen Blick nimmt: Welche sozialen Bedingungskonstellationen verur sachen welche Emotionen, ist die von Dürkheim thematisierte Leitfrage. Damit wird eine Perspek tive eröffnet, die verspricht, unterschiedliche Emotionen durch verschiedene soziale Auslö sungsbedingungen zu bestimmen und damit eine soziologisch fundierte Typologie der Emotionen zu entwickeln2. 2 Das Feld einer Soziologie der Emotionen wird durch zwei Fragestellungen aufgespannt: Zum einen kann man Emotionen in der Position einer abhängigen Va- riable betrachten und nach den sozialen Bedingungen ihrer Entstehung fragen, was in den weiteren Ausfüh- rungen erfolgen soll. Zum anderen lassen sich Emotio- nen aber auch als »unabhängige4 Variable analysieren. Dann ist nach der spezifischen emotionalen Konstruk- tion sozialer Wirklichkeit gefragt. Vorarbeiten zu die- ser Perspektive finden sich in den Arbeiten Georg Simmels (vgl. die Interpretation in Gerhards 1986), gegenwärtig in den Arbeiten Randall Collins (1981). Systematisch wird diese Fragestellung an anderer Stelle entwickelt (vgl. Gerhards 1988).