STUDIEN UND AUFSÄTZE | 51 Die spanische Rezeption im literarischen Werk Heinrich Heines 1 Rosa Marta Gómez Pato / Montserrat Bascoy Lamelas 1. Poesie und Geschichtserfahrung in Heinrich Heines Werk Das Engagement für die soziale Emanzipation der Gesellschaften und Individuen verleiht Hein- rich Heines Werk Einheit. Die charakteristische Art und Weise, wie Heine seine Ideen durch die Kunst mitteilte, ist von besonderer Bedeutung bei der Lektüre seiner Texte. In seinem Werk übt er, wie K. Fingerhut (1992: 109) unter anderen Autoren bereits pointierte, ein „ironisches Um- kehrspiel“, indem er die Wahrheit unter der Maske der poetischen Schönheit zeigt. Bei diesem Spiel wird das Ideal der heldischen und sozialen Utopien, die die romantische Literatur seiner Zeit darstellte, mit Ironie und Sarkasmus in die unschöne Wirklichkeit zurückgeführt, die nach Heine eine Transformation durch die Prinzipien der Französischen Revolution brauchte. Trotz seiner Überzeugung von der Wichtigkeit dieser Prinzipien setzte sich der Schriftsteller für ein Literaturverständnis ein, in dem es keinen instrumentellen Zusammenhang zwischen Wort und Tat, zwischen Poesie und Politik, zwischen Geist und Macht gab. Für den engagierten Dichter war die Autonomie von Kunst, Wissen und Politik wesentlich. Heine misstraute der „Tribunali- sierung der Kunst und der Doktrinalisierung des Wissens“ (Habermas 2000: 83) und kritisierte, dass „das ‚Kunstinteresse’ bloß in Dienst […] für das politische Interesse des Tages“ gestellt wurde (Habermas 2000: 81). Anhand zweier Gedichte aus dem Buch der Lieder (1827) werden in diesem Beitrag Heines Poetik und seine Opposition zur gesellschaftlichen Wirklichkeit seiner Zeit, die durch Heuche- lei, Rassismus und Quietismus gekennzeichnet war, analysiert. Es wurden zwei Texte ausgewä- hlt, in denen der Autor diese Aspekte durch Geschichten einer anderen Gesellschaft und ande- ren Zeit, die der spanischen Gesellschaft der Reconquista, veranschaulicht. Das allgemeine Interesse für Spanien und für seine Vergangenheit in Deutschland wuchs vor allem ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und verstärkte sich Anfang des 19. Jahr- hunderts durch die Verbreitung der spanischen Thematik besonders in der romantischen Litera- tur. Bedeutend für Heines Werk waren die Übersetzung des Don Quijote, Herders Übersetzung der Cid-Nachdichtungen und anderer mittelalterlicher Volkslieder sowie das Werk der Gebrü- der Schlegel, Tiecks und Brentanos (vgl. Jäger, 1999: 4-6). Die völkischen Dichtungen der his- torischen Epoche der Reconquista, die Heine in den ausgewählten Gedichten verarbeitete, wur- den als exotisches Motiv von mehreren Autoren aufgenommen. Die spanischen Motive kom- men wieder in Heines Werk, obwohl diese „Mode“ mit der romantischen Literatur aufgehört hatte 2 . Heine interessierte sich besonders für die Spanien-Thematik, weil diese ihm die Möglichkeit bot, „politische und literarische Polemik“ in seine Texte einzuführen (Jäger 1999: 6). Zwei en- tgegengesetzte Spanienbilder stehen sich zu seiner Zeit gegenüber: einerseits ein negatives Bild, weil Spanien vor der Romantik mit „Unaufgeklärtheit und Barbarei“ identifiziert wurde, und andererseits das positive, idealisierte romantische Bild. Heines Auseinandersetzung mit den spanischen Themen sowie mit Themen vergangener Zeiten anderer Länder und Kulturen dient 1 Dieser Artikel wurde im Rahmen des Forschungsprojekts Judaísmo y feminidad: Representaciones del género y de la cultura en conflicto en la literatura alemana moderna y contemporánea (FEM2009-09506, Ministerio de Ciencia e Innovación) der Universität Santiago de Compostela verfasst. 2 Siehe Reck (1987: 115).