Stellungnahme und Kommentar Chlorsubstitution
SteUungnahme und Kommentar
Wird der Abbau organischer Verbindungen tatsfichlich durch
Chlorsubstitution beschleunigt?
Zum Beitrag ,,Zum indirekten Photoabbau chlororganischer Verbindungen durch OH-Radikale in der Atmosph/ire"
von G. Fricke, J. Hellhammer, A. Klamt, J. Meerkamp van Embden, M. Rose, B. Sewekow, R. Wittlinger
(UWSF 7 (5) S. 275-279, 1995)
Wolf-Ulrich Palm, Cornelius Zetzsch
Fraunhofer Institut fiir Toxikologie nnd Aerosolforschung, Nikolai-Fuchs-Str. 1, D-30625 Hannover
Stellungnahme
1 Diskussion
In der Arbeit von FRICKE et al. wurde die Rolle des Chlor-
substituenten in der Reaktion organischer Verbindungen
mit OH-Radikalen diskutiert. Ausgangspunkt der Untersu-
chung war der ..... pauschale Verdacht", daf~ die Reakti-
vitfit von OH-Radikalen mit organischen Verbindungen
durch Chlorsubstituenten vermindert wird. Als Ergebnis
der theoretischen Untersuchung wurde im Gegenteil sogar
in Einzelf~illen eine Reaktivit~itserh6hung durch Chlorsub-
stitution angegeben. Im folgenden m6chten wir einige Er-
gebnisse und Schlufgfolgerungen des Artikels kommentie-
Fen.
1. Unabhfingig yon den Implikationen, die sich aus der Emission bzw.
dem Abbau chlororganischer Substanzen in der Umwelt ergeben, be-
sitzt der Substituent Chlor im Vergleich mit anderen Substituenten,
wie die Autoren detailliert ausfiihren, in keiner Weise eine ausge-
zeichnete Stellung beziiglich der Reaktion des elektrophilen OH-Ra-
dikals mit organischen Substanzen [1]. Einem Konzept der klassi-
schen organischen Chemie folgend, erh6hen elektronenschiebende
Substituenten die OH-Reaktivit~it. Umgekehrt wird die Reaktivitfit er-
niedrigt, wenn Substituenten mit elektronenziehendem (-I bzw. -M)
Effekt das Reaktionszentrum beeinflussen. Aufgrund des reichhalti-
gen experimentellen Materials wurde in der Vergangenheit eine Rang-
folge der Substituenten in der Wasserstoffabstraktionsreaktion des
OH-Radikals gefunden [2] (einige Substituenten sind im Schema 1 zu-
sammengestellt). Demnach muf~ Chlor aufgrund seines elektronenzie-
henden Effektes als ein die Reaktivit~it erniedrigender Substituent ein-
gestuft werden.
In der im Schema 1 dargestellten Einordnung tritt das Wasserstoff-
atom selbst als Substituent nicht auf. Tats~ichlich war die Berechnung
der OH-Geschwindigkeitskonstante ~ber C-H-Dissoziationsenergien,
in der auch Wasserstoff als Substituent fungierte, nur bedingt ver-
wendbar [3]. Andererseits wurde schon friih die bekannt unter-
schiedliche Reaktivitfit des Wasserstoffs primfir, sekund~ir und tertifir
substituierter Kohlenstoffatome (die OH-Reaktivitfiten der
-C(O)H -CH~ -OR
-CF~ -OH
-ONO 2 -CCI 3 -F-CN -CI >C(O) C6H5-CR3 -NRz -OP<
>CF2 -Br-COOR >C=C< -CR2C(O)R -SR -SP<
-COOH >C---C< -OC(O)R
( "--
koH wird erniedrigt koH wird erh~ht
Schema 1: Orobe Einteilung einiger Substituenten in der Wasserstoffab-
straktionsreaktion von OH-Radikalen
CH Gruppen pro H-Atom verhalten sich nfiherungsweise wie
1:10:43) diskutiert [4, 5]. So wurde z.B. die relativ hohe H-Abstrak-
tionsgeschwindigkeitskonstante im CHCI3, die auch fiir das OH-Ra-
dikal gilt, auf eine geringere sterische Spannung im entstehenden
Trichlormethylradikal zuriickgefiihrt [5]. Unter anderem wurden des-
halb im lnkrementsystem nach ATKINSON fiir die RCH3, RzCH2 und
R3CH-Gruppen Gruppengeschwindigkeiten definiert. Diese Grup-
pengeschwindigkeiten werden berechenbar durch eine zwar sinnvoUe,
jedoch im Prinzip willkiirliche Setzung des Inkrementes F(X) der Me-
thylgruppe zu F(X) = 1 [6]. Diese Definition beriihrt jedoch nicht die
oben gegebene Reihenfolge der Substituenten.
Die Autoren diskutieren nun im besonderen die gemessenen OH-Ge-
schwindigkeitskonstanten der chlorsubstituierten Methanderivate.
Eine Substitution der wenig reaktiven Methanwasserstoffe liefert je-
doch prinzipiell, d.h. fiir jeden Substituenten eine Reaktivit~itssteige-
rung, iiberlagert vom elektronischen Effekt des entsprechenden Sub-
stituenten. So werden relativ zum Methan fiir alle bisher untersuch-
ten Substituenten X fiir die entsprechend monosubstituierten Verbin-
dungen CH3X h6here OH-Geschwindigkeitskonstanten gemessen.
Dies schlief~tauch relativ zum Chlor st~irker reaktivit~itsvermindernde
Substituenten wie F, CN, ONO 2 oder CC13 ein. Es ist demnach nicht
sinnvoll, die OH-Reaktivit~iten von z.B. CH3C1 , CH2C1 z und CHCI 3
mit Methan zu vergleichen.
Der Substituent Chlor sollte mit einem Substituenten verglichen wer-
den, der nur einen geringen elektronischen Einflutg auf das Reakti-
onszentrum ausiibt und die Reaktivit~it der Wasserstoffatome nicht
findert, d.h. mit der Methylgruppe. Ein Vergleich der OH-Geschwin-
digkeitskonstanten der oben gegebenen Chloralkane mit den entspre-
chenden Vergleichsalkanen ist in der Tabelle 1 dargestellt. Wie er-
wartet, ergibt sich eine Reaktivit~itsabnahme aufgrund der Natur des
Chlorsubstituenten.
Tabelle 1: Vergleich der koH von Alkanen und Chloralkanen
(in 1012 cm 3 Moleki~l -1 S-1)
k'oH koH k'oH/koH
CH3CH 3 O. 135 CICH 3 0.044 = 3
(CH3)2CH 2 0.87 CI2CH 2 0.14 = 6
(CH3)3CH 1.92 CI3CH 0.10 = 19
koH der Alkane wurde nach k'oH = koH -- n • 0.14, d.h. um die Reaktion der n
Methylgruppen rnit OH-Radikalen korrigiert
2. Fiir Aromaten ist die Abstraktionsreaktion am Kern vernachl/issigbar.
Deshalb ist der geschwindigkeitsverringernde Effekt des Chlorsubsti-
tuenten in der Addition direkt erkennbar, wie auch die Autoren beto-
nen. Es muf~ angemerkt werden, daf~ die Reihenfolge der Substituen-
ten fiir die Abstraktion der Reihenfolge der Substituenten fiir die Ad-
dition vergleichbar ist. A.hnliches wird bei der Ozonolyse der Alkene
beobachtet, bei der Chlor eine (sogar drastische) Erniedrigung der Re-
aktivit~it bewirkt [7].
UWSF - Z. Umweltchem. Okotox. 8 (6) 333-334 (1996)
© ecomed verlagsgesellschaft AG & Co.KG Landsberg
333