Originalien
Schmerz
https://doi.org/10.1007/s00482-017-0263-5
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Springer Nature - all rights reserved 2017
K. Diehl
1
· J. Mayer
2
· A. Thiel
2
· S. Zipfel
3
· S. Schneider
1
1
Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin, Medizinische Fakultät Mannheim,
Universität Heidelberg, Mannheim, Deutschland
2
Institut für Sportwissenschaft, Universität Tübingen, Tübingen, Deutschland
3
Abteilung für Psychosomatische Medizin, Universität Tübingen, Tübingen, Deutschland
„Playing hurt“: der Umgang
jugendlicher Leistungssportler
mit Gelenkschmerzen
Zusatzmaterial online
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Einleitung
Jugendliche Leistungssportler sind die
olympischen Medaillenhoffnungen von
morgen.IneinigenSportartenfindensich
jugendliche Leistungssportler bereits in
jungen Jahren in der Weltspitze wieder.
Dazu erbringen sie bereits sehr früh kör-
perliche Höchstleistungen. Um sportli-
che Erfolge auf Spitzenniveau erreichen
zu können, sind zum einen außerordent-
liche Motivation und Volition und zum
anderen hohe Trainingsumfänge unab-
dingbare Voraussetzungen.
Von erwachsenen Spitzensportlern
weiß man, dass trainings- und wett-
kampfbedingte Schmerzen und Verlet-
zungen häufig ignoriert werden [4, 9, 11,
16]. So ist es nicht selten, dass gesund-
heitlich angeschlagene Athletinnen und
Athleten an Training und Wettkämpfen
teilnehmen. Mayer und iel [11] haben
unlängst ein Modell entwickelt, welches
Prädiktoren beschreibt, die dazu führen
können, dass verletzte Athletinnen und
Athleten an Wettkämpfen teilnehmen.
Neben individuellen Faktoren prägen
die Gesundheit selbst und der Kontext
der Sportausübung den Willen zur Teil-
nahme am Wettkampf. Mayer und iel
[11] nennen bezüglich des Kontextes
die Sportdisziplin, das Leistungsniveau,
sprich die Kaderstufe, den sozialen Druck
und bei erwachsenen Leistungssportlern
den Beschäſtigungsstatus als entschei-
dende Determinanten.
Dieses Phänomen – in der Literatur
auch als „playing hurt“ (deutsch: „verletzt
spielen“) bezeichnet – geht häufig einher
mit der Einnahme von Schmerzmitteln
und dem Verheimlichen von Schmer-
zen vor dem Trainer oder Sportkamera-
den/-kameradinnen [4, 9, 11, 13, 15, 16].
Eine Metaanalyse ergab, dass Athleten
eine höhere Schmerztoleranz haben als
Nichtathleten, wobei die Schmerzschwel-
len vergleichbar waren [19]. Die höhere
Schmerztoleranz, die sich insbesondere
für Ausdauer- und Ballsportler zeigte,
muss nicht per se negativ sein, kann
sich aber in einem schnelleren Über-
schreiten der Belastungsgrenzen nieder-
schlagen. Das Ignorieren von Schmerz
unterminiert dessen Warnfunktion mit
möglichen kurz- oder langfristigen Fol-
gen: Kurzfristig kann es zu einer Ver-
schlimmerung des Gesundheitszustan-
des kommen; langfristig können chroni-
sche und irreversible Sportverletzungen
oder -schäden durch die ausgeblende-
te Überbeanspruchung entstehen [8]. In
letzter Konsequenz kann dies zum Ende
der Sportkarriere führen.
Während das Phänomen des „play-
ing hurt“ in den letzten Jahren vor al-
lem hinsichtlich erwachsener Leistungs-
sportlerinnen und -sportler Beachtung
fand, ist es unter jugendlichen Spitzen-
athletinnen und -athleten bisher kaum
untersucht [11, 21]. Lediglich das Auto-
renpanel befasste sich bis dato mit „play-
ing hurt“ im Nachwuchsleistungssport,
also jungen Athletinnen und Athleten,
die an nationalen und internationalen
Wettkämpfen teilnehmen, und fand her-
aus, dass Einsätze nach Verletzungen oſt
viel zu früh erfolgen, Schmerzen mithil-
fe von Schmerzmitteln gedämpſt werden
und präventive und rehabilitative Richt-
linien umgangen werden [21]. Das be-
deutet auch, dass die Entscheidungen be-
züglich des „playing hurt“ nicht selten in
Abstimmung mit Trainer und Betreuer
zu erfolgen scheinen [11, 21], was auch
ethische Fragen aufwirſt.
Das Forschungsdefizit um jugendli-
che Leistungssportlerinnen und -sport-
ler verwundert umso mehr, als gerade
diese als besonders vulnerable Gruppe
gelten, befinden sie sich doch in einer
Phase, in der sehr viele unterschiedliche
Anforderungen auf physischer (körperli-
ches Wachstum und physische Reifung)
sowie psychosozialer Ebene (Schule, Ab-
kopplung vom Elternhaus, Ausdünnung
der Leistungsspitze im Sport, Ausbildung
einer eigenen Persönlichkeit etc.) gleich-
zeitig bewältigt werden müssen.
Aus diesem Grund widmet sich der
vorliegende Beitrag dem Phänomen des
„playing hurt“ unter jugendlichen Leis-
tungssportlerinnen und -sportlern und
erweitert damit die bisherigen Erkennt-
nisse zu diesem ema [10–12, 20, 21].
Im Fokus stehen dabei erstmals Gelenk-
schmerzen, zu denen allgemein für den
Nachwuchsleistungssport bislang kaum
Der Schmerz