Das komplexe Krankheitsbild des
Charcot-Fußes ist für den behandeln-
den Orthopäden und Chirurgen eine
Herausforderung. Die Genese der Er-
krankung ist multifaktoriell und noch
nicht vollständig aufgeklärt. Die füh-
rende Grunderkrankung ist die dia-
betische Polyneuropathie, jedoch fin-
den sich auch hereditäre, infektiöse,
toxische und idiopathische Neuropa-
thien, die zu einem identischen oder
ähnlichen klinischen Krankheitsbild
führen können [27, 33, 38].
Ein entscheidender pathogenetischer
Faktor für die Entstehung der Fußde-
formität ist der Verlust der Schutzsensi-
bilität des Fußes und dadurch nicht im-
mer wahrgenommene, mitunter repeti-
tive Traumata. Das Management der Er-
krankung ist häufig durch die Polymor-
bidität der Patienten erschwert. Das Be-
handlungskonzept muss daher einen in-
terdisziplinären Ansatz mit einer adäqua-
ten Therapie der Grunderkrankung – in
den meisten Fällen Diabetes mellitus – be-
inhalten [27, 32].
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Ein entscheidender
pathogenetischer
Faktor ist der Verlust der
Schutzsensibilität des Fußes
Das Behandlungsziel beim Charcot-Fuß
ist ein plantigrader (gerade auf der Sohle
stehender), stabiler, infektfreier Fuß oh-
ne Ulzerationen und mit sicherer Geh-
fähigkeit in entsprechend angepasstem
Schuhwerk [27]. Die Therapie des Char-
cot-Fußes im Stadium I nach Eichen-
holtz ist beim Ausschluss eines floriden
Infekts traditionell zunächst konservativ
[6]. Die Immobilisierung erfolgt im gut
anmodellierten Castverband („total con-
tact cast“, TCC) mit eingearbeiteter Ab-
rollsohle, wobei Ruhistellungszeiten von
6 bis 9 Monaten notwendig werden kön-
nen, um einen Kollaps des Fußgewölbes
mit Gefährdung der Weichteile zu ver-
meiden [23]. Alternativ/ergänzend kom-
men entsprechend angepasste Orthesen
oder Walker zum Einsatz. Für zwischen
30 und 40 % der Patienten mit initialer
Behandlung im Cast wird sekundär eine
operative Stabilisierung erforderlich [1,
28, 30]. Bei hochgradig instabilen Läsio-
nen am Sprunggelenk/Rückfuß (Sanders
Typ IV) lässt sich auch mit konsequen-
ter, prolongierter Ruhigstellung meist kei-
ne ausreichende Konsolidierung erzielen.
Der Fuß hat die Tendenz, in eine
schwere Varus- oder Valgusdeformi-
tät auf Höhe des oberen Sprunggelenks
(OSG) mit begleitender Schaukel- oder
Klumpfußfehlstellung abzugleiten. Die
Patienten sind aufgrund der Deformität
und Instabilität nicht mehr gehfähig und
entwickeln trotz des Tragens schwerer or-
thopädischer Schuhe regelmäßig Ulzera-
tionen und Stressfrakturen in den über-
lasteten Fußbezirken. Zudem unterhält
die persistierende Instabilität die Char-
cot-Arthropathie, so dass in diesen Fäl-
len trotz eines erheblichen perioperativen
Risikos die operative Stabilisierung anzu-
streben ist [17, 22]. Hierzu stehen prinzi-
piell externe und interne Osteosynthese-
verfahren zur Verfügung.
Vorteile der Stabilisierung mit Fixa-
teur externe bestehen in der geringen
Menge des eingebrachten Osteosynthe-
sematerials, dem Verzicht auf eine Auf-
bohrung der Markhöhle mit potenzieller
Keimverschleppung sowie der Möglich-
keit einer schrittweisen Korrektur bzw.
Nachkorrektur [33]. Nachteilig sind die
geringere biomechanische Stabilität so-
wie das Auftreten von lokalen Komplika-
tionen (v. a. Pininfektionen) in 80–100 %
beim Diabetiker [24, 35]. Bei den internen
Verfahren ist die Verwendung eines int-
ramedullären Kraftträgers der Fixierung
mit Schrauben für die Rückfußarthrode-
se biomechanisch überlegen [2].
Die vermutlich erste Darstellung einer
tibiotalokalkanearen (TTC-)Arthrode-
se mit intramedullärer Fixierung stammt
aus dem Jahre 1906 von Erich Lexer aus
Königsberg, der die durch Kochen sterili-
sierte Fibula zur retrograden intramedul-
lären Fixierung benutzte [15]. In seinem
klassischen, von Richard Maatz zusam-
mengestellten Lehrbuch beschreibt Ger-
hard Küntscher die Verwendung eines
Marknagels [14]. Die TTC-Rückfuß-
arthrodese mit einem retrograden Na-
gel bietet die Möglichkeit des einzeiti-
gen Ausgleichs der Deformität und einer
biomechanisch stabilen intramedullären
Verankerung des Nagels mit verschiede-
nen Verriegelungsoptionen in Kalkaneus,
Talus und Tibia [18]. Hierbei sind Nägel
mit einem vorgegebenen Rückfußvalgus
günstiger als gerade Nägel, die nur den
schmaleren medialen Anteil des Kalkan-
eus erfassen würden [8]. Auch ist das Risi-
ko einer Verletzung des medial laufenden
Gefäßnervenbündels, insbesondere des
N. plantaris medialis, bei Verwendung
eines gekrümmten Nagels geringer [16].
Im Folgenden sollen unsere Erfah-
rungen mit dem Einsatz des Rückfußar-
J. Pyrc · A. Fuchs · H. Zwipp · S. Rammelt
UniversitätsCentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie, Universitätsklinikum
Carl Gustav Carus der TU Dresden, Dresden, Deutschland
Rückfußarthrodese
beim Charcot-Fuß mit
retrogradem Nagel
Orthopäde 2015 · 44:58–64
DOI 10.1007/s00132-014-3062-z
Online publiziert: 19. Dezember 2014
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014
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Der Orthopäde 1 · 2015
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