Leitthema S. Rammelt 1 · R. K. Marti 2 · H. Zwipp 1 1 Klinik und Poliklinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Universitätsklinikum „Carl Gustav Carus“, Technische Universität, Dresden 2 Orthopaedie, Academisch Medisch Centrum, Universiteit, Amsterdam, Niederlande Arthrodese des Talonavikulargelenks Orthopäde 2006 · 35:428–434 DOI 10.1007/s00132-005-0868-8 Online publiziert: 29. September 2005 © Springer Medizin Verlag 2005 Das Talonavikulargelenk ist das beweg- lichste Fußgelenk und essentiell für die Gesamtbeweglichkeit des Fußes. Bezüg- lich der Kraftüberleitung und Vermitt- lung der Eversions- und Inversionsbe- wegung nimmt es eine Schlüsselstellung zwischen Rück- und Vorfuß ein. Es inter- agiert mit der vorderen Kammer des Sub- talargelenks im Talokalkaneonavikularge- lenk (der „Coxa pedis“) sowie mit dem Kal- kaneokuboidgelenk im Chopart-Gelenk. Eine isolierte Fehlfunktion des Talonaviku- largelenks hat demzufolge erhebliche Aus- wirkungen auf die Nachbargelenke und somit auf die globale Fußfunktion. Eine isolierte Fusion des Talonavikulargelenks führt zu einer hochgradigen Bewegungs- einschränkung im Subtalar- und Kalka- neokuboidgelenk. Neben idiopathischen, degenerativen, posttraumatischen und rheumatisch be- dingten Arthrosen im Talonavikularge- lenk finden sich regelmäßig Fehlstellun- gen und Achsenabweichungen nach fehl- verheilten Chopart-Luxationsfrakturen, ei- nem Kollaps des Os naviculare nach avas- kulärer Nekrose oder einer Ruptur bzw. Avulsion des Pfannenbandes oder der Ti- bialis-posterior-Sehne. In diesen Fällen muss nach gründlicher Analyse der Fehl- stellung und der resultierenden Beschwer- den eine reorientierende Arthrodese des Talonavikulargelenks mit Achsenkorrek- tur erfolgen. Anatomie und Biomechanik Das Talonavikulargelenk ist ein sphäri- sches Gelenk, welches aus dem Taluskopf als konvexem und dem proximalen An- teil des Os naviculare als konkavem Ge- lenkpartner gebildet wird. Es erlaubt dem- zufolge eine Bewegung in allen 3 Ebenen des Raums. Die kräftige Bandführung erfolgt durch das Lig. bifurcatum, das Lig. calcaneonaviculare plantare („spring ligament“), das Lig. calcaneonaviculare mediale („Lig. neglectum“ nach v. Volk- mann), das Lig. talonaviculare dorsale (im Wesentlichen eine Verstärkung der Gelenk- kapsel) und das Lig. tibionaviculare, dem vorderen Anteil des Deltabandes. Die Tibialis-posterior-Sehne zieht flä- chig unter dem Os naviculare zu seinem Ansatz am Os cuneiforme mediale bzw. der I. und II. Metatarsalebasis. Zahlreiche Fasern strahlen jedoch auch in die medi- al gelegene Tuberositas des Os naviculare ein und können hier knöcherne Avulsio- nen hervorrufen. Insbesondere der Tibia- lis-posterior-Sehne aber auch dem Lig. cal- caneonaviculare plantare und mediale wird bei Degeneration bzw. Ruptur eine entscheidende pathognomonische Bedeu- tung für die Entstehung des Pes plano val- gus zugeschrieben [30]. Das Talonaviku- largelenk liegt im Scheitelpunkt des Fuß- längsgewölbes. Bei der Entwicklung eines Pes planovalgus kommt es zur peritalaren Luxation des Vorfußes nach lateral mit Subluxation im Talonavikulargelenk und plantarkonvexer Abweichung der Talome- tatarsalen Achse [12]. Zudem ist das Talo- navikulargelenk ein wichtiger Stabilisator der medialen Fußsäule. Wichtig für das Verständnis der Bio- mechanik des Fußes ist jedoch, dass das Talonavikulargelenk anatomisch eng mit den benachbarten Gelenken verbunden ist bzw. gemeinsame Gelenkräume und Gelenkachsen bildet und funktionell eng mit dem Kalkaneokuboidgelenk und Sub- talargelenk im sog. Tripelgelenkkomplex interagiert, in welchem die dreidimensio- nale Eversions-/Inversionsbewegung des Rückfußes abläuft [2]. So bildet das Talo- navikulargelenk zusammen mit der vorde- ren Kammer des unteren Sprunggelenks die Articulatio talocalcaneonavicularis. Diese wird aufgrund ihrer anatomischen, entwicklungsgeschichtlichen und funktio- nellen Parallelen zum Hüftgelenk auch als „Coxa pedis“ bezeichnet [19]. Der Talus- kopf steht hierbei in Analogie zum Hüft- kopf und das „Acetabulum pedis“ wird aus dem Os naviculare, der anterioren Facette des Kalkaneus sowie dem „Pfan- nenband“, dem teilweise verknorpelten Lig. calcaneonaivulare plantare gebildet. Entwicklungsgeschichtlich zeigen bei- de Gelenke ebenfalls interessante Paral- lelen. So verringert sich die Antetorsion des Schenkelhalses während der Embryo- nalentwicklung um ca. 25°, während sich die Retrotorsion des Talushalses, seines „Analogons“ am Fuß, um etwa denselben Betrag erhöht [23]. Weitere Analogien fin- den sich zwischen dem Klumpfuß und der angeborenen Hüftluxation sowie dem an- geborenen Plattfuß und der Hüftdyspla- sie [23]. Des Weiteren bildet das Talonavikular- gelenk gemeinsam mit dem Kalkaneoku- boidgelenk die wichtige funktionelle Ein- heit des Chopart-Gelenks (Articulatio me- diotarsalis). Die Integrität der knöchernen Komponenten des Chopart-Gelenks ist 428 | Der Orthopäde 4 · 2006