DEBATTEN Anna Henkel, Thomas Barth, Jens Köhrsen, Björn Wendt, Cristina Besio, Katha- rina Block, Stefan Böschen, Sascha Dickel, Benjamin Görgen, Matthias Groß, Simone Rödder und Thomas Pfister Intransparente Beliebigkeit oder produktive Vielfalt? Konturen einer Soziologie der Nachhaltigkeit Kommentar zum Aufsatz von Karl-Werner Brand Lange Zeit schien es so, als würde die Definition des Brundtland-Berichts, nach der eine nachhaltige Entwicklung eine solche Entwicklung sei, die »die Bedürf- nisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können«, 1 eine Art Grundkonsens des Nachhaltigkeitsdiskurses bilden. Auch Karl-Werner Brand votiert dafür, das Leit- bild der nachhaltigen Entwicklung – freilich im Rahmen einer nunmehr veränder- ten Problem- und Diskurskonstellation – als alleinigen Bezugspunkt sozialwissen- schaftlicher Nachhaltigkeitsforschung zu setzen. Andererseits liefen schon in den 1990er Jahren die konkreten Vorstellungen davon, wie eine nachhaltige Entwick- lung erreicht werden soll, und damit zugleich, welche politischen Maßnahmen adäquat, welches Wissen zu generieren und anzuwenden und welche Akteure wie zu verbinden seien, deutlich auseinander und zeigten differente Positionierungen. 2 Auch in frühen Diskussionen zu Nachhaltigkeit in der Umweltsoziologie und benachbarten Disziplinen wurde zwar oft der praktische und theoretische Nutzen des Konzepts hinterfragt, sie bezogen sich aber mindestens genauso oft wiederum unhinterfragt auf Nachhaltigkeit als Leitbild. 3 Mehr noch, heute können etwa Strategien im Begründungszusammenhang von Postwachstum, ökologischer Modernisierung oder Geo-Engineering allesamt den Nachhaltigkeitsanspruch für sich reklamieren. Nur sollen im ersten Fall gänzlich andere Produktions- und Konsummuster, im nächsten ein ergrüntes Wachstum und im dritten Fall eine per- fektionierte Naturbeherrschung den Weg aus der Krise weisen. Unter dem einen begrifflichen Dach der »Nachhaltigkeit« konkurrieren sehr unterschiedliche Kon- zepte, deren Vertreterinnen und Vertreter schon bei der Problembestimmung kaum zueinander finden. 4 In dieser zunehmend vielschichtigen und konflikthaften Konstellation verortete auch die Soziologie ihr Verhältnis zur Nachhaltigkeit neu. Konnte sie in den 1990er Jahren, getragen von der Hoffnung auf ökologische Gestaltungsfähigkei- 1 Vgl. Hauff 1987, S. 46. 2 Vgl. Lele 1991. 3 Vgl. allein Buttel 1993; Brand 1997; Cohen et al. 2001. 4 Vgl. Henkel 2016; Henkel 2017. Leviathan, 49. Jg., 2/2021, S. 224 – 230, DOI: 10.5771/0340-0425-2021-2-224 https://doi.org/10.5771/0340-0425-2021-2-224 Generiert durch Bibliothekssystem Universität Hamburg, am 21.05.2024, 12:33:48. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.