Essay Gibt es eine (Neuro)-Psychologie des Massenmörders ? Lutz Jäncke Universität Zürich, Psychologisches Institut, Lehrstuhl für Neuropsychologie Zusammenfassung. Im Rahmen dieses Essays wird diskutiert, ob das Morden oder gar der Massenmord anhand der Kenntnis neuropsycholo- gischer Konzepte erklärt werden kann. Hierbei wird deutlich, dass es quasi jedem Erklärungsversuch für Mord und Massenmord schwer fallen wird, Mord oder Massenmord ohne Zuhilfenahme von konventionellen Regeln zu definieren. Demzufolge bleibt es auch schwierig, wenn nicht gar unmçglich, menschliches Verhalten, dass in Morde oder Massenmorde mündet, mit einfachen und eingängigen neuropsychologischen Modellen zu erklären. Es wird allerdings deutlich, dass das menschliche Gehirn mit einem hçchst flexiblen und „lernfähigen“ sozialen Kon- trollsystem ausgestattet ist, dass sich an verschiedene soziale Szenarien anpassen kann. Die hohe Anpassungsfähigkeit erçffnet allerdings auch Mçglichkeiten für therapeutische und erzieherische Ansätze zur Verhaltensänderung. Schlüsselwçrter: Massenmçrder, Frontalkortex, Impulsiv-System, Gehirn und Sozialverhalten, Lernen Is There a (Neuro)-Psychological Perspective on Mass Murderer? In this essay I discuss whether murder or mass murder can be explained on the basis of neuropsychological concepts. In this connection it becomes evident that each attempted explanation for murder and mass murder will be confronted with inevitable difficulties if these explanations do not refer to conventional rule systems. Thus, it will also be difficult to explain mass murder solely on the basis of simplistic neuropsychological models and theories. However, it becomes evident that the human brain is equipped with a highly plastic social control system which can easily adapt to different social scenarios. This adaptability opens many possibilities for therapeutical and rehabilitative interventions for behavior modifications also for social deviant behavior. Keywords: mass murderer, murder, frontal cortex, social brain, impulsive system, learning Einleitung Sofern die Psychologie als Wissenschaft, die menschliches Verhalten erklären will, ernst genommen werden will, müsste sie der im Titel geäusserten Frage zustimmen. Obwohl die Verhaltenswissenschaften plausible Erklärungen für Morde liefern kçnnen, gelingt ihnen allerdings derzeit nicht, solches Verhalten wirklich präzise vorherzusagen. Man kann besten- falls Wahrscheinlichkeitsaussagen über das Auftreten von zu erwartenden antisozialen Verhaltensweisen und für Mord- versuche anstellen (Urbaniok, 2004). Eine besondere Note hat die Erklärungskraft psychologischer Deutungsversuche durch moderne neurowissenschaftliche Erkenntnisse erhalten (Markowitsch und Siefer, 2007). Allerdings eignen sich die neurowissenschaftlichen Erklärungen nicht alleine, um Ge- walttaten und Massenmorde zu erklären. Zum besseren Ver- ständnis von Gewaltakten sind Kenntnisse über den sozialen bzw. erzieherischen Hintergrund und mçgliche genetische Einflüsse notwendig. Insofern verfügen derzeit biosoziale Erklärungsmodelle die grçsste Erklärungskraft für gewalttä- tiges Verhalten (Raine, 2002). Bevor ich mich einem neuro- psychologisch gefärbten Deutungsversuch nähern will, muss allerdings zu Beginn eine Begriffsbestimmung geleistet wer- den. Nach diesen Begriffserläuterungen werde ich kurz skiz- zieren, wie derzeit die Steuerung von sozialem Verhalten auf der Basis von neuropsychologischen Modellen erklärt wird. Zeitschrift für Neuropsychologie, 19 (1), 2008, 41 – 45 DOI 10.1024/1016-264X.19.1.41 Z. Neuropsychol. 19 (1) # 2008 by Verlag Hans Huber,Hogrefe AG, Bern ${protocol}://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1016-264X.19.1.41 - Friday, July 06, 2018 6:04:56 PM - Technische Universität München IP Address:129.187.254.46