55 Willutzki U, Veith A. Burnout und professionelle Entwicklung von … PiD - Psychotherapie im Dialog 2018; 19: 55–59 Aus der Praxis Burnout und professionelle Entwicklung von Psychotherapeuten Ulrike Willutzki, Andreas Veith Burnout tritt in allen Berufen und Gesellschaftsschichten auf – warum nicht auch bei Psychotherapeuten? Der Beitrag ordnet Burnout-Prozesse in den Kontext professioneller Entwicklungsprozesse ein. Dabei scheint die Reflexion von Schwierigkeiten und Herausforderungen in der therapeutischen Arbeit die zentrale Stellschraube für funktionale bzw. dysfunktionale Entwicklungen zu sein. Herausforderung Burnout Entstehung Definition Burnout wird als dauerhafter, negativer, ar- beitsbezogener Seelenzustand „normaler“ Individuen verstanden, von dem auch Psychotherapeuten nicht ver- schont bleiben [1]. Nach Maslach u. Jackson [2] lassen sich dabei folgende Dimensionen unterscheiden: ▪ emotionale Erschöpfung (z. B. andauernde Energielo- sigkeit und Überforderung) ▪ Depersonalisation (d. h. distanzierte und tendenziell abwertende Haltung gegenüber Patienten) ▪ reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit (d. h. ver- ringerte wahrgenommene Effektivität) Auswirkung Burnout ist eines der wenigen Psychothera- peuten-Merkmale, die sich nach einer Metaanalyse relativ konsistent negativ auf das Therapieergebnis auswirken [3]. Dabei scheinen insbesondere ausgeprägte Depersonalisie- rungstendenzen besonders ungünstig zu sein, sowohl für die Psychotherapeuten selbst als auch für ihre Patienten. So finden etwa Hersoug et al. [4] einen negativen Effekt auf die wahrgenommene therapeutische Beziehung aus Sicht des Patienten, wenn Therapeuten einen kalten und distanzierten interpersonellen Stil aufwiesen. Stressoren Bereits in den 1980er Jahren wurden die für die psychotherapeutische Tätigkeit typischen Stressoren benannt [5][6]: ▪ Deutlich psychopathologische Symptome von Patien- ten (wie etwa depressives Erleben, externalisierende Tendenzen), Suizidalität, aggressives, unmotiviertes oder widerständiges Verhalten von Patienten. ▪ Negative Gefühle bei Psychotherapeuten, die aus der Auseinandersetzung mit den oft schwierigen Lebens- geschichten der Patienten ins Privatleben hineinwir- ken. ▪ Die Herausforderung, die Balance zwischen Intimität bzw. Nähe und Objektivität in der Arbeit mit Patien- ten zu halten. ▪ Organisationsbezogene Faktoren u. a. exzessive Ar- beitsbelastung und problematische Organisations- politik (z. B. ökonomisch orientierte Gestaltung der Strukturen, Teamprobleme; insbesondere im institu- tionellen Kontext). ▪ Ansprüche der privaten Umgebung auch außerhalb des beruflichen Kontextes, z. B. „Helferqualitäten“ zur Verfügung zu stellen. Merke Patientenmerkmale, die emotional anspruchsvolle Tätigkeit und institutionelle Faktoren können das Bur- nout-Risiko für Psychotherapeuten erhöhen; gleichzei- tig spielt auch das Privatleben eine Rolle. Niedriges Burnout-Risiko bei Psychotherapeuten Insgesamt scheinen Psychotherapeuten im Vergleich zu anderen helfenden Berufen (z. B. Ärzte und Pflegeperso- nal im Maslach-Burnout-Inventar; MBI) geringere Bur- nout-Werte aufzuweisen [7]. In einer aktuellen interna- tionalen Studie geben z. B. norwegische, österreichische und deutsche Psychotherapeuten im MBI mittlere Werte emotionaler Erschöpfung, sehr geringe Depersonalisie- rung und ausgeprägte hohe persönliche Leistungsfähig- keit an [8]. Mögliche Gründe für dieses geringe Burnout-Niveau bei Psychotherapeuten werden einerseits in den vergleichs- weise oft günstigen Rahmenbedingungen therapeutischer Tätigkeit gesehen: ▪ relativ viel Kontrolle über das eigene Vorgehen ▪ begrenzte Arbeitsverdichtungsmöglichkeiten (zeitge- bundene Leistung) ▪ häufig positive Rückmeldungen durch Patienten Andererseits scheint auch der Umgang mit den Belas- tungsfaktoren durch die Psychotherapeuten eine Rolle zu spielen: So berichten ca. 75 % der Therapeuten in einer Studie [9] trotz mittlerer emotionaler Erschöpfung über Heruntergeladen von: MCP Hahnemann University. Urheberrechtlich geschützt.