1 Magnus Schlette & Christian Tewes Einleitung Die Wirklichkeit der Wahrnehmung 1. Thema Die Sinneswahrnehmung hat eine besondere Bedeutung für das menschliche Selbst- und Welt- verhältnis, weil sie nicht nur die grundlegende Bedingung dafür ist, dass der Mensch sich zur Welt in Beziehung setzen kann, sondern sie ihm darüber hinaus sein In-der-Welt-Sein auf ge- nuine Weise bezeugt. Die klassisch-neuzeitliche philosophische Wahrnehmungslehre attes- tierte der Wahrnehmung allerdings zumeist ihre prinzipielle Unzuverlässigkeit und Täu- schungsanfälligkeit. Die Wahrnehmung gebe allenfalls die Voraussetzung, nicht aber den epis- temischen Grund unserer Welterkenntnis her. Denn abhängig von Standpunkt und Beschaffen- heit des Wahrnehmungssubjekts könne am Gegenstand ganz Unterschiedliches wahrgenom- men werden, das ihm eigentlich gar nicht zukomme. „Obwohl wir alle denselben Umschlag sahen“, so George Edward Moores notorisches Anschauungsbeispiel des im Hörsaal hochge- haltenen Briefumschlags, „hat [j]eder von uns [...] wahrscheinlich eine zumindest leicht ver- schiedene Farbnuance gesehen.“ (Moore 1966, 32) Die Skepsis gegenüber der epistemischen Validität der Wahrnehmung beschränkt sich nicht auf die Wahrnehmung sekundärer Qualitä- ten. So betonte beispielsweise Alfred Ayer auch die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung pri- märer Qualitäten, wo er bemerkt, die Dinge sähen aus der Entfernung kleiner aus als sie sind (Ayer 1940, 9). Beispiele dieser Art sind Legion, sie werden bereits von Descartes und Locke angeführt und sie werden bis heute immer wieder aufgegriffen. Es gelte einen Weg zu finden, schreibt Descar- tes in der Synopsis seiner Meditationen, „unser Denken von den Sinnen abzulenken“ (Descartes 1993, 7). Die Wahrnehmung belehre uns nur unzureichend und irreführend über die Beschaf- fenheit der Welt und bedürfe daher einer Falsifikationsprobe auf wissenschaftlicher Grundlage. Diese Forderung artikuliert die Grundüberzeugung des Hauptstrangs moderner Erkenntnisthe- orie diesseits der metaphysischen und methodologischen Unterschiede zwischen Rationalismus und Empirismus. Sie besteht darin, eine standpunktunabhängige Auffassung von der Welt zu begründen. Thomas Nagel hat in The View From Nowhere die Begründung dieser Konzeption im Rah- men des Leib-Seele Problems wie auch der physikalistischen Wahrnehmungstheorie Uncorrected proof. Please cite: Schlette, M. & Tewes, C. (2024). Einleitung Die Wirklichkeit der Wahrnehmung. In M. Schlette & C. Tewes (Ed.), In Kontakt mit der Wirklichkeit: Die Perspektivität verkörperter Wahrnehmung (pp. 1-28). Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783111338453-002