«Wasser Energie Luft» – 108. Jahrgang, 2016, Heft 3, CH-5401 Baden 195 obachten ist, werden mit dem Ausbau der Erneuerbaren europäische PSW an Be- deutung gewinnen. Werden zudem immer mehr Kernkraftwerke stillgelegt, wird sich das neue Energiesystem umso stärker auf die regulierende Leistung von PSW verlas- sen müssen (Hildmann et al 2014). Mit solchen Aussichten müssten PSW für Investoren eine höchst attraktive Option darstellen. In Wirklichkeit scheuen sich aktuell Wasserkraftunternehmen vor weiteren Investitionen wegen Unsicherhei- ten bezüglich Strommarktliberalisierung, Netznutzungsgebühren, Auswirkungen von Subventionen auf den Strommarkt und, im Fall der Schweiz, wegen ungünsti- ger Wechselkurse (BFE 2013a; Österreichs Energie, 2015). Seit einigen Jahren kämpfen die Betreiber von Wasserkraftanlagen zudem mit fallenden Strompreisen, die mitunter durch den Überschuss von billigem Strom aus Wind und Sonne, aber auch aus Braun- kohle verursacht wurden. Auslöser für die zugrunde liegende Überschussproduktion waren die massive Entwertung der CO 2 - Zertifikate und die starke Subventionierung der neuen Erneuerbaren. Darüber hinaus können auch die Auswirkungen des Klima- wandels auf die zukünftige Wasserverfüg- barkeit den Anreiz für weitere Investitionen mindern. Wie es mit der Pumpspeicherkraft weitergeht, hängt stark von der konkreten Umsetzung der Energiewende auf natio- naler Ebene, aber auch von der Akzeptanz in der Bevölkerung ab, welche Vorhaben beschleunigen, aber auch vollständig ver- hindern kann. Daher ist der Dialog mit der Öffentlichkeit, in welchem Kosten und Nut- zen von verschiedenen Lösungen aufge- zeigt werden, umso wichtiger. Vor dem Hintergrund der Energie- wende bildet dieser Artikel eine mögliche Basis für die Meinungs- und Konsensbil- dung bezüglich Wasserkraft im Alpenraum. Ausgehend von bereits vorhandenen Ins- trumenten zur Nachhaltigkeitsbewertung von Kraftwerken, analysiert die vorliegende Arbeit die Auswirkungen des «Systems Pumpspeicherkraft» auf Umwelt, Wirt- schaft, Gesellschaft und Landschaft und Akteure aus Politik und Gesellschaft über den geeigneten Pfad und das Tempo der sogenannten «Energiewende». Obwohl die erneuerbaren Energien grundsätzlich positiv wahrgenommen werden, bleibt die Wasserkraft, einschliesslich der Pump- speicherwerke (PSW), ein umstrittenes Thema. Was die Produktion und Speiche- rung von erneuerbarer Energie betrifft, haben die Alpenländer einen klaren Stand- ortvorteil. Ihre Reservoire und Wasser- kraftanlagen stellen einen höchst flexib- len Baustein in der sich stark veränderten Energielandschaft zur Verfügung: Ist die Nachfrage gross, können die Anlagen fast augenblicklich Elektrizität ins Netz liefern. Sinkt die Nachfrage, wird die Produktion eingestellt und überschüssige Energie kann von PSW absorbiert und zwischen- gespeichert werden. Gegenwärtig stel- len Wasserkraftanlagen die einzige Spei- chertechnologie dar, die nicht nur mit den starken Produktionsschwankungen von Wind- und Sonne, sondern auch mit den jahreszeitlichen Fluktuationen in der Ener- gienachfrage umgehen kann. Wie in den windreichen Ländern Irland, Portugal und dem Vereinigten Königreich bereits zu be- Alpine Pumpspeicherung – Quo vadis? Astrid Björnsen Gurung, Axel Borsdorf, Leopold Füreder, Felix Kienast, Peter Matt, Christoph Scheidegger, Lukas Schmocker, Massimiliano Zappa, Kathrin Volkart 1. Die Energiewende in den Alpen Eigentlich scheint man sich einig: Der Kli- maschutz, die zunehmende Verknappung fossiler Energieträger sowie die Abkehr von der Atomenergie machen einen radikalen Umbau des heutigen Energiesystems un- umgänglich. Dieser Umbau ist nicht bloss eine Option, sondern eine zwingende Not- wendigkeit. Konkret handelt es sich dabei um Richtlinien und Strukturanpassungen zur Dekarbonisierung der Wirtschaft, wel- che von Frankreich, Deutschland und dem Vereinigten Königreich als erste europäi- sche Länder umgesetzt wurden. Öster- reich und die Schweiz folgten später. Mit der «Energiestrategie Österreich» (BMWFJ und BMLFUW 2010) hält sich unser Nach- barstaat an die für 2020 gesteckten Ziel- vorgaben der Europäischen Energie- und Klimapolitik (European Parliament 2008). Der Schweizerische Bundesrat und das Parlament sprachen sich 2011 für den Ausstieg aus der Kernenergie aus und ver- abschiedeten zwei Jahre später das erste Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 (Bundesrat 2013). Obwohl man sich über die Dringlichkeit der Klima- und Ener- giefrage weitgehend einig ist, streiten sich Zusammenfassung Für die Erreichung ihrer Klima- und Energieziele haben die Alpenländer einen kla- ren Standortvorteil: Neben dem überdurchschnittlich hohen Potenzial für Wind- und Sonnenenergie profitiert das Wasserschloss Europas von der flexiblen, CO 2 -armen Stromproduktion durch Wasserkraft. Zukünftig werden die Wasserspeicher noch wei- tere Funktionen übernehmen und eine zentrale Rolle spielen, wenn es darum geht, einen flexiblen Ausgleich für die stark schwankende Stromproduktion aus Wind und Sonne zu liefern. Ebenso wichtig ist die umfangreiche Speichermöglichkeit zur Über- brückung tageszeitlicher und saisonaler Engpässe. Damit erneuerbare Energieträger überhaupt genutzt und in das Energiesystem integriert werden können, bedarf es grosskalibriger Speichertechnologien, die derzeit nur in Form von Pumpspeicherwer- ken (PSW) vorliegen. Trotz dem offensichtlichen Bedarf ist die Diskussion rund um den Ausbau der Wasserkraft, insbesondere auch der PSW, sehr kontrovers. Anhand zweier Alpenländer, der Schweiz und Österreich, diskutiert dieser Beitrag die Was- serkraftnutzung und Energiespeicherung mithilfe eines Systemansatzes, analysiert vorhandene Bewertungssysteme und schält die Aspekte heraus, die in einem neuen Instrument für die Nachhaltigkeitsbewertung für PSW integriert werden müssen. Zu- künftige Instrumente sollen des Weiteren als Grundlage dienen, um mit unterschied- lichen Interessengruppen ins Gespräch zu kommen und damit die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen.