Palliativmedizin und Supportivtherapie
Onkologe 2016 · 22:499–506
DOI 10.1007/s00761-016-0068-7
Online publiziert: 16. Juni 2016
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
Konrad Klaus Richter
1
· Amanda Sommerfeldt
2
· Ulrich Wedding
3
1
Department of Surgery, Southland Hospital und Dunedin School of Medicine, Invercargill, Neuseeland
2
Hospice Southland Invercargill, Invercargill, Neuseeland
3
Abteilung für Palliativmedizin Klinik für Innere Medizin, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Jena,
Deutschland
Palliativmedizin und
Hospizbewegung Down Under
Palliation in Australien und Neuseeland
Besiedlung und Bevölkerung
Australien und Neuseeland weisen ein
gemeinsames geschichtlich junges bri-
tisch-keltisches Erbe auf und werden auf-
grund ihrer Entfernung von Europa gern
zusammen als Down Under betrachtet
[1]. Allerdings beträgt die kürzeste Ent-
fernung zwischen beiden Ländern im-
merhin 1491 km, und es bestehen durch-
aus historische, kulturelle und politische
Unterschiede.
Australien
Der australische Kontinent wurde vor
mehr als 40.000 Jahren durch die Abo-
rigines besiedelt und 1788 als britische
Strafkolonie etabliert. Australien verfügt
als eines der größten Länder der Erde
heute über eine multikulturelle Bevölke-
rung von 23.000 Mio. Einwohnern. Die
Aborigines als Ureinwohner Australiens
stellen nur 2,6 % der Gesamtbevölkerung
dar und leben zu 30 % in den zentralen
Inlandgebieten. Dagegen besiedeln 90 %
der Gesamtbevölkerung ein mit 3 % der
Fläche kleines Küstengebiet.
Neuseeland
In Neuseeland trafen freie Siedler auf
das indigene Volk der Maori. Diese wan-
derten vermutlich um das 12. Jahrhun-
dert aus der pazifischen Inselwelt ein.
Neuseeland war bisher bikulturell, beste-
hend aus den Maori-Erstbesiedlern und
den europäischen Siedlern oder Pakeha
(Nichtmaori). Heute weist es eine Bevöl-
kerung von etwa 4,5 Mio. Einwohnern
(2015) und eine Bevölkerungsdichte von
16 Einwohnern/km
2
auf. In Deutschland
leben – im Vergleich dazu – durchschnitt-
lich 228 Einwohner/km
2
, in München
4600 Einwohner/km
2
und in der Mongo-
lei 1,9 Einwohner/km
2
. Die Bevölkerung
besteht zu 68 % aus Neuseeland-Europä-
ern, zu 14,6 % aus Maori, zu 6,9 % aus
pazifischen Inselbewohnern und zu 9,2 %
aus Asiaten (in Auckland 25 %).
»
Neuseeland war bisher
bikulturell (Europäer und Maori)
Dreiviertel derBevölkerung Neuseelands
lebt auf der Nordinsel. Im dünn besiedel-
ten Southland dominiert die Landwirt-
schaſt (. Abb. 1). Die frühe Geschichte
Neuseelands ist eng mit der Schafzucht
verbunden. Heute hat sich jedoch die An-
zahl der Schafe von 40 auf 30 Mio. Tie-
re wegen der lukrativeren Milchrinder-
zucht verringert (. Abb. 2). Landschaſt,
Leben und Menschen in Southland sind
rau und herzlich (Abb. 3). Der ursprüng-
liche Pioniergeist der aus Schottland und
Irland eingewanderten Siedler, die sich
mit den hier wohnenden Maori (Ngai Ta-
hu) vermischt haben, ist in diesem Teil
des Landes noch spürbar.
Ethnische Vielfalt im
Gesundheitswesen
Die zunehmende ethnische Vielfalt erfor-
dert für die Palliativmedizin eine beson-
dere Sensibilität in Bezug auf kulturelle,
sprachliche und religiöse Besonderhei-
ten. Maori sind durch den 1840 geschlos-
senen Vertrag von Waitangi mit der briti-
schen Krone eine einzigartige Beziehung
mit der Regierung eingegangen, welche
Politik, Legislative und den gesamten All-
tag beeinflusst [2]. Seit dem Health Prac-
titioners Competence Assurance Act von
2003 müssen alle Angestellten im Ge-
sundheitswesen ihre kulturelle Kompe-
tenz unter Beweis stellen.
Hospizbewegung
Geschichte
In Bezug auf Ansätze einer palliativen
Versorgung lassen sich 3 historische Pe-
rioden unterscheiden: Von 1838 bis1969
sorgten sich v. a. christliche Orden und
Nonnen um Sterbende und Hilfsbedürf-
tige. In den Jahren 1970–2000 wurde die
moderne Hospiz- und Palliativmedizin-
bewegung u. a. durch Dr. Cicely Saun-
ders (London) ins Leben gerufen; und
seit 2000 wird eine koordinierte bevöl-
kerungsorientierte und bedarfsadaptier-
te Strategie für Palliativmedizin und Hos-
pizwesen angestrebt [3].
Die Hospizbewegung begann in Aus-
tralien und Neuseeland als bescheide-
ne Initiative einzelner religiöser Orden
der römisch-katholischen und anglikani-
schen Kirche zu Beginn des 19. Jahrhun-
derts. Sie hatte das primäre Ziel, Sterben-
de und mittellose Kranke zu pflegen. Vor
allem 3 Schwesternorden waren wesent-
lich an Hospizgründungen in Australien
und Neuseeland beteiligt: Little Compa-
ny of Mary, Sisters of Charity und Daugh-
ters of Our Lady of Compassion. Darüber
Der Onkologe 7 · 2016 499