Journal of Cuneiform Studies, volume 74, 2022. © 2022 American Society of Overseas Research. All rights reserved. Published by e University of Chicago Press for ASOR. hps://doi.org/10.1086/719980 EINE SPÄTBABYLONISCHE SYNKRETISTISCHE HYMNE AN NABÛ Hannelore Agnethler, Ekaterine Gogokhia, Enrique Jiménez, Alessia Pilloni, und Albert Setälä (Ludwig-Maximilians-Universität München) Abstract e article contains the first edition of a hymn to Nabû probably from Neo-Babylonian or Achaemenid Bor- sippa. e text, wrien in a fixed ABA′B structure, extols Nabû by aributing to him some feats traditionally ascribed to other gods, such as killing Anzû or defeating the Sea. Nabû is presented as the highest of all gods, which gives occasion to discuss the so-called “Exaltation of Nabû” in other first-millennium texts. Die Tafel BM 26216 (98-5-14, 34) enthält eine bisher unbekannte Hymne an Nabû. 1 Die 98-5-14-Sammlung, die von Sd. A. Turabian in Konstantinopel (Sigrist, Zadok, Walker 2006: ix) erworben wurde, besteht aus „some hundred and fiſty unbaked tablets from a new site,“ die sehr wahrscheinlich mit Borsippa zu identi- fizieren ist (ibid.). Viele Urkunden in dieser Sammlung stammen aus Borsippa, 2 so dass man davon aus- gehen kann, dass die hier bearbeitete Tafel ebenfalls in der Stadt Nabûs gefunden wurde. Dem Kolophon zufolge wurde die Tafel von einem gewissen Bēl-aplu-iddina geschrieben, der sich selbst als „junger Schreiber“ bezeichnet. 3 Die ungewöhnlich hohe Anzahl von Fehlern in der Tafel (siehe §4) so- wie die starre ABA’B-Struktur der Hymne (siehe §5), die für den Unterricht besonders geeignet scheint, machen es wahrscheinlich, dass es sich um eine Schulübung handelt. Der interessanteste Aspekt der Hym- ne ist, dass sie dem Go Nabû Taten zuschreibt, die traditionell anderen Göern zugerechnet wurden, wie z. B. der Sieg über das Meer, die Überwindung von Anzû und die Bezwingung des Asakku-Monsters (siehe §6). Dies ist zwar nicht einzigartig unter den Schulhymnen aus Borsippa, 4 jedoch stellt es die expliziteste Formulierung der „Schreibertheologie“ dar, die Nabû als Summe aller anderen Göer präsentierte. Des- 1. Der vorliegende Artikel wurde im Rahmen des Seminars „Akkadische synkretistische Hymnen“ (LMU München, 2021) verfasst. Die Abschnitte wurden unabhängig voneinander geschrieben (§4 Setälä, §5 Gogokhia, §6 Pilloni, §7 Agnethler), aber sie haben von einer wiederholten Überarbeitung durch alle Autoren profitiert. Die bibliographischen Abkürzungen folgen dem Gebrauch des Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie (Hrsg. von M. P. Streck). Unser Dank gilt A. Zgoll und dem Collegium Mythologicum, in dem dieser Text gelesen wurde, sowie Sophie Cohen und Tonio Mitto für die sorgfältige Revision des Manuskripts. Die neue Tafel BM 26216 wird hier mit Genehmigung der Trustees des British Museum publiziert. 2. S. Waerzeggers 2005, Zadok 2009: 122–30. 3. Der Name ist in Borsippa zwar gut bezeugt, aber in Ermangelung eines Patronyms scheint eine Identifizierung unmöglich. Man vergleiche z. B. den Bēl-aplu-iddina, Sohn des Marduk-šumu-ibni in einer anderen Tafel aus derselben Sammlung, BM 26335 (98-5-14, 153, datiert auf 493/492 v. Chr.; s. https://prosobab.leidenuniv.nl/tablet/t6371 Zugriff 03.12.2021). 4. Vgl. z. B. die Hymne im Zylinder BM 34147 (Lambert 1978: 82–97, 105), in der Nabû u. a. die Namen Enlil, Lugaldimmerankia, Imdudu, Hendursaga, Marduk ( d MES), Enzag und Enbilulu erhält.