PhJb 2/20 / p. 207 / 14.9.2020 Verfall und Stabilität politischer Ordnungen Zur Aktualität des antiken politischen Denkens Manuel KNOLL (Istanbul) I. Einleitung Die meisten Bürger der Staaten Europas, die nach 1945 geboren wurden, hatten Glück, großes Glück. Denn sie lebten in einer Zeit des Friedens, des Wohlstands und der weitgehenden Stabilität ihrer politischen Ordnungen. Das war bei den Genera- tionen davor in der Regel nicht der Fall. Und dies traf auch auf die Bürger Jugo- slawiens nur begrenzt zu. Denn seit 1991 zerfiel nicht bloß ihr Staat, sondern sie hatten auch unter einer Reihe von blutigen Kriegen zu leiden. Diese Kriege, die oft als die Balkankriege bezeichnet werden, waren genau genommen Bürgerkriege, weil Jugoslawien bereits seit 1918 als Staat bestand. Wie die meisten derartigen Kriege gingen sie mit Verbrechen, Massakern und Flüchtlingsströmen einher. Das trifft auch auf die letzten verheerenden Bürgerkriege in der Europäischen Nachbarschaft zu, die 2011 in Syrien und Libyen begannen. Diese Bürgerkriege wurden noch da- durch befeuert, dass sich etliche ausländische Mächte einmischten und versuchten, ihre politischen Interessen einzubringen und durchzusetzen. All das war in der An- tike nicht anders. Besonders verheerend war der Peloponnesische Krieg, der als grie- chischer Bürgerkrieg verstanden werden muss. Während dieses Krieges kam es zu vielen weiteren Bürgerkriegen, in denen Athen die demokratischen und Sparta die oligarchischen Kräfte unterstützte. In der Folge wurden zahlreiche Demokratien und Oligarchien gestürzt und in ihren jeweiligen Gegensatz umgewandelt. In der Geschichte der Menschheit gehören Bürgerkriege bis heute zu den schlimmsten Kriegen. Der vorliegende Aufsatz untersucht das politische Denken der griechischen Anti- ke über den Verfall und die Stabilität politischer Ordnungen. Auf Grund ihrer un- mittelbaren und mittelbaren Erfahrung von einer Vielzahl von Aufständen, Verfas- sungswandel und Bürgerkriegen gewannen Protagoras, Platon und Aristoteles entscheidende Einsichten über dieses Thema. Aristoteles entwickelte sogar die erste empirische Theorie politischer Umstürze und Revolutionen in der Geschichte des politischen Denkens. Der vorliegende Aufsatz rekonstruiert nicht bloß die Einsich- ten von Protagoras, Platon und Aristoteles, sondern argumentiert dafür, dass sie bis heute bedeutend und aktuell sind. Zeitgenössisches politisches Denken kann noch immer viel von den politischen Philosophen der griechischen Antike lernen und Phil. Jahrbuch 127. Jahrgang / II (2020)