Formen und Funktionen der US-amerikanischen Todesstrafe | 265 Death, Denial, Discourse. Zu den Formen und Funktionen der US-amerikanischen Todesstrafe David Garland Die Todesstrafe im heutigen Amerika ist eine seltsame Institution, für de- ren Existenz uns eine angemessene soziologische Erklärung fehlt. Die in- stitutionellen Arrangements, die in den letzten vierzig Jahren um die To- desstrafe herum entstanden sind, scheinen den Staat, das Recht und tödli- che Gewaltausübung in ein neues merkwürdiges Verhältnis gerückt zu ha- ben. Immer noch ziehen wir unsere Schlüsse aus historischen Erzählun- gen, die entwickelt wurden, um die Bedeutung der Todesstrafe vor mehre- ren Jahrhunderten zu erklären. An Untersuchungen allerdings, die die un- terschiedlichen Formen und Funktionen der heutigen Todesstrafe erklären können, mangelt es immer noch. Die theoretischen Ansätze, welche die Soziologie des Strafens prägen, sagen wenig über die Charakteristika der zeitgenössischen Todesstrafe aus. Denn wenn Soziologinnen und Soziologen über die Todesstrafe schreiben, beziehen sie sich meistens auf die Arbeiten von Historikerinnen und His- torikern wie etwa Vic Gatrell (1994) oder Douglas Hay (1975), die sich mit dem 18. und 19. Jahrhundert befassen, oder auch auf die theoretischen Überlegungen Emile Durkheims (1983), der die Todesstrafe unmittelbar mit einem vormodernen Strafsystem verbindet. Allen voran wird die Arbeit Michel Foucaults (1977) herangezogen, die, wie ich zeigen möchte, äußerst ungeeignet ist, um die Institution der Todesstrafe im modernen Amerika verstehen zu können. Das Ergebnis dieser theoretischen Ausrichtung ist eine implizite Kon- zeptionalisierung der gegenwärtigen Todesstrafe (wo sie in der modernen Welt noch existiert) als historisches Überbleibsel. Die moderne Todesstrafe wird als ein Relikt aus vergangenen Zeiten betrachtet, als eine nahezu