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WSI Mitteilungen 3/2011
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Einleitung
Während in Deutschland nach wie vor über
die Einführung eines gesetzlichen Mindest-
lohns gestritten wird, hat die Mehrzahl der
Staaten längst gesetzliche Lohnuntergrenzen
eingeführt, um Beschäftigte vor Ausbeutung
und extremen Armutslöhnen zu schützen.
In der Mindestlohndatenbank der Interna-
tionalen Arbeitsorganisation (ILO) werden
über 100 Staaten aufgelistet, was deutlich
macht, dass gesetzliche Mindestlöhne welt-
weit zu den etablierten Instrumenten bei der
Regulierung des Arbeitsmarktes gehören
(Eyraud/Saget 2005; ILO 2008).
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Das Wirtschafts- und Sozialwissen-
schaftliche Institut (WSI) beobachtet seit
Jahren die Entwicklung von Mindestlöh-
nen im europäischen und außereuropä-
ischen Ausland, um diese Erfahrungen für
die deutsche Debatte fruchtbar zu machen.
Im Rahmen des WSI-Mindestlohnberich-
tes, der hier bereits zum dritten Mal vorge-
legt wird,
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werden einmal jährlich aktuelle
Mindestlohndaten aufbereitet und Trends
in den nationalen Mindestlohnpolitiken
analysiert. Die Grundlage des Berichtes
bildet die WSI-Mindestlohndatenbank,
in der mittlerweile Daten für 28 Länder
enthalten sind.
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Hierzu gehören alle 20 von
27 EU-Staaten, die über einen allgemei-
nen gesetzlichen Mindestlohn verfügen,
der EU-Beitrittskandidat Türkei sowie
sieben weitere außereuropäische Länder:
Australien, Brasilien, Japan, Kanada, Ko-
rea, Neuseeland und die USA .
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Gesetzliche Mindestlöhne
zum 1. Januar 2011
Bei der Höhe gesetzlicher Mindestlöhne
zeigen sich sowohl innerhalb als auch au-
ßerhalb Europas erhebliche Unterschiede.
Gemessen in Euro lassen sich im Hinblick
auf die Mindestlohnniveaus innerhalb
der EU drei Gruppen identifizieren (Ab-
bildung 1): Die erste Gruppe mit relativ
hohen Mindestlöhnen umfasst insgesamt
sechs Staaten aus Westeuropa. Das höchste
Mindestlohnniveau mit einem Wert von
10,16 € pro Stunde findet sich in Luxem-
burg, das seit dem 1. Januar 2011 als erstes
europäisches Land die 10- €-Marke über-
schritten hat. Der zweithöchste Mindest-
lohn existiert mit 9 € pro Stunde in Frank-
reich, gefolgt von den Niederlanden mit
8,74 € und Belgien mit 8,54 €. Nachdem
in Irland der gesetzliche Mindestlohn zum
1. Februar 2011 um 1 € gekürzt wurde,
liegt das irische Mindestlohnniveau nur
noch bei 7,65 € pro Stunde. Schließlich
bildet Großbritannien mit einem Mindest-
lohn von 6,91 € pro Stunde das Schluss-
licht der europäischen Spitzengruppe.
Allerdings wird der in Euro gemessene
Betrag des britischen Mindestlohns stark
vom Wechselkurs des britischen Pfundes
beeinflusst, das in den letzten drei Jahren
gegenüber dem Euro um etwa 25 % abge-
wertet wurde. Auf der Basis des Wechsel-
kurses von 2007 würde der Mindestlohn
in Großbritannien heute bei 8,67 € pro
Stunde liegen und hätte damit einen mit
den anderen westeuropäischen Ländern
vergleichbaren Wert.
In einer zweiten Gruppe mit Mindest-
löhnen zwischen 2 und 6 € pro Stunde
befinden sich insgesamt fünf EU-Staaten,
vorwiegend aus Südeuropa. Der Spitzen-
reiter dieser mittleren Gruppe ist Slowe-
nien mit einem Mindestlohn von 4,32 €
pro Stunde, gefolgt von Griechenland mit
4,28 €, Spanien mit 3,89 € und Malta mit
3,84 €. Das niedrigste Mindestlohnniveau
in dieser Gruppe findet sich in Portugal mit
2,92 € pro Stunde.
Die dritte Gruppe mit Mindestlöhnen
unterhalb von 2 € umfasst ausschließlich
Länder aus Mittel- und Osteuropa. Das
Mindestlohnniveau bewegt sich hier in der
Mehrzahl der Länder zwischen 1,40 € und
1,85 € pro Stunde. Lediglich in Bulgarien
und Rumänien liegt der Mindestlohn nach
wie vor unterhalb von 1 € pro Stunde. Be-
dingt durch eine relativ starke Abwertung
ihrer nationalen Währungen in den Jahren
2008 und 2009 wird der in Euro gemessene
Mindestlohn vor allem in Polen, Rumänien
und Ungarn jedoch etwas unterzeichnet.
WSI-Mindestlohnbericht 2011 –
Mindestlöhne unter Krisendruck
Thorsten Schulten
Die Mindestlohnpolitik des Jahres 2010 stand nach wie vor unter dem Vorzeichen der Krise. Zwar kam es in der Mehrzahl der Länder zu
einer nominalen Erhöhung der Mindestlohnsätze, diese fiel jedoch zumeist eher moderat aus und blieb in einigen Fällen sogar hinter
der Preisentwicklung zurück. Außerdem haben mehrere Länder überhaupt keine Erhöhungen durchgeführt und ihre Mindestlohnsätze
eingefroren. Die eher bescheidene Mindestlohnbilanz des Jahres 2010 ist Ausdruck eines wachsenden politischen Drucks von Seiten
der Arbeitgeber und Regierungen, die darauf abzielen, das bestehende Mindestlohnniveau möglichst gering zu halten. Innerhalb
Europas haben dabei auch internationale Organisationen wie die Europäische Kommission oder der Internationale Währungsfond
zunehmend Einfluss auf die nationale Mindestlohnpolitik gewonnen. Gegen den Trend zeigt das Beispiel von Slowenien, dass auch
unter Krisenbedingungen substanzielle Erhöhungen des Mindestlohns möglich sind.
Thorsten Schulten, Dr., Wissenschaftler im
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.
Arbeitsschwerpunkte: Arbeits- und
Tarifpolitik in Europa.
e-mail: Thorsten-Schulten@boeckler.de
1 Eine elektronische Version der ILO-Mindestlohn-
datenbank mit aktuellen Updates findet sich un-
ter: http://www.ilo.org/travaildatabase/servlet/
minimumwages.
2 Für die bislang veröffentlichten Berichte vgl. Schul-
ten (2009, 2010).
3 Eine aktuelle elektronische Version der WSI-Min-
destlohndatenbank findet sich unter: http://www.
boeckler.de/pdf/ta_mindestlohndatenbank.pdf.
Zu den Unterschieden und Abgrenzungen der be-
stehenden Mindestlohndatenbanken von EURO-
STAT, ILO, OECD und WSI vgl. Schulten (2009).
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