WSI MITTEILUNGEN 6/2015 BERICHTE DES WSI
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Europäischer Tarifbericht des
WSI – 2014/2015
Nachdem die letzten Jahre in vielen europäischen Ländern durch stagnierende oder rück-
läufge (Real-)Löhne gekennzeichnet waren, lässt sich für 2014 und 2015 erstmal wieder
eine etwas positivere Lohndynamik beobachten. Dies liegt jedoch weniger an einer be-
sonders expansiven Lohnpolitik als vielmehr an sehr niedrigen Infationsraten, die in vie-
len Ländern stärkere Reallohnzuwächse ermöglicht haben. Insgesamt jedoch bleibt die
Lohnentwicklung in den meisten Ländern zu schwach, um die gesamtwirtschafliche
Nachfrage voranzutreiben und ein wirksames Gegengewicht zu den anhaltenden Defati-
onsgefahren zu bilden. Umso wichtiger ist es für die ökonomische Entwicklung in Euro-
pa, dass zumindest Deutschland in den letzten Jahren eine deutlich expansivere Lohn-
dynamik aufweist.
THORSTEN SCHULTEN
1. Ökonomische Rahmenbedingungen
der Tarifpolitik
1.1 Allgemeine Wirtschafsentwicklung
Im Jahr 2014 haben sich in den meisten europäischen Län-
dern die ökonomischen Rahmenbedingungen für die Ta-
rifauseinandersetzungen nach Jahren der Krise und Stag-
nation wieder etwas verbessert (vgl. Europäische
Kommission 2015; Horn et al. 2015; OFCE et al. 2014). Im
EU-Durchschnitt nahm das Bruttoinlandsprodukt (BIP)
2014 um 1,4 % zu, nachdem das EU-weite Wirtschafswachs-
tum in den beiden Vorjahren stagnierte (2013) bzw. um
0,5 % zurückging (2012) (Tabelle 1). Für 2015 erwartet die
Europäische Kommission einen weiteren Zuwachs des BIP
um 1,8 %, was angesichts der aktuellen politischen Ausein-
andersetzungen um Griechenland und die Zukunf der Eu-
rozone jedoch mit einigen Risiken und Unsicherheiten
verbunden sein dürfe.
1
Zwischen den einzelnen EU-Staaten bestehen im Hin-
blick auf den Konjunkturverlauf nach wie vor erhebliche
Unterschiede. Relativ hohe Wachstumsraten konnten 2014
die meisten osteuropäischen Länder verzeichnen, in denen
das BIP zwischen 2 und 3,6 % anstieg. In einem ähnlichen
Rahmen bewegten sich die Zuwachsraten in Schweden
(2,1 %), Großbritannien (+2,8 %), Luxemburg (+3,1 %) und
Malta (+3,5 %). Den größten Wirtschafsaufschwung im
Jahr 2014 erlebte Irland, dessen BIP sich nach einer längeren
Stagnations- und Krisenphase um 4,8 % erhöhte.
Demgegenüber blieb das Wirtschafswachstum in den
meisten west- und südeuropäischen Ländern mit Werten
zwischen 0,4 % in Frankreich und 1,6 % in Deutschland eher
verhalten. Allerdings konnten einige südeuropäische Länder
wie Griechenland, Portugal und Spanien erstmals seit meh-
reren Jahren überhaupt wieder positive Wachstumsraten
verzeichnen, nachdem ihre Wirtschafsleistung in den Vor-
jahren stark zurückgegangen war. Schließlich befanden sich
vier europäische Länder auch 2014 noch in einer Rezession,
mit einer rückläufgen BIP-Entwicklung. Hierzu gehörten
Finnland (–0,1 %), Italien (–0,4 %), Kroatien (–0,4 %) und
als Schlusslicht Zypern (–2,3 %). Für 2015 erwartet die Eu-
ropäische Kommission, dass alle europäischen Länder auf
einen positiven Wachstumspfad zurückkehren (Tabel-
le 1).
1 Im Folgenden wird, falls nicht anders ausgewiesen, auf
Daten der Annual Macro-Economic Database (AMECO) zu-
rückgegriffen, die von der Generaldirektion Wirtschaft und
Finanzen (GD ECFIN) der Europäischen Kommission be-
reitgestellt wird (http://ec.europa.eu/economy_finance/db_
indicators/ameco/index_en.htm). Bei den Angaben für
2015 handelt es sich um Prognosedaten der Europäischen
Kommission, die im Mai 2015 veröffentlicht wurden (vgl.
Europäische Kommission 2015).
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https://doi.org/10.5771/0342-300X-2015-6-447
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