WSI MITTEILUNGEN 6/2015 BERICHTE DES WSI 447 Europäischer Tarifbericht des WSI – 2014/2015 Nachdem die letzten Jahre in vielen europäischen Ländern durch stagnierende oder rück- läufge (Real-)Löhne gekennzeichnet waren, lässt sich für 2014 und 2015 erstmal wieder eine etwas positivere Lohndynamik beobachten. Dies liegt jedoch weniger an einer be- sonders expansiven Lohnpolitik als vielmehr an sehr niedrigen Infationsraten, die in vie- len Ländern stärkere Reallohnzuwächse ermöglicht haben. Insgesamt jedoch bleibt die Lohnentwicklung in den meisten Ländern zu schwach, um die gesamtwirtschafliche Nachfrage voranzutreiben und ein wirksames Gegengewicht zu den anhaltenden Defati- onsgefahren zu bilden. Umso wichtiger ist es für die ökonomische Entwicklung in Euro- pa, dass zumindest Deutschland in den letzten Jahren eine deutlich expansivere Lohn- dynamik aufweist. THORSTEN SCHULTEN 1. Ökonomische Rahmenbedingungen der Tarifpolitik 1.1 Allgemeine Wirtschafsentwicklung Im Jahr 2014 haben sich in den meisten europäischen Län- dern die ökonomischen Rahmenbedingungen für die Ta- rifauseinandersetzungen nach Jahren der Krise und Stag- nation wieder etwas verbessert (vgl. Europäische Kommission 2015; Horn et al. 2015; OFCE et al. 2014). Im EU-Durchschnitt nahm das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2014 um 1,4 % zu, nachdem das EU-weite Wirtschafswachs- tum in den beiden Vorjahren stagnierte (2013) bzw. um 0,5 % zurückging (2012) (Tabelle 1). Für 2015 erwartet die Europäische Kommission einen weiteren Zuwachs des BIP um 1,8 %, was angesichts der aktuellen politischen Ausein- andersetzungen um Griechenland und die Zukunf der Eu- rozone jedoch mit einigen Risiken und Unsicherheiten verbunden sein dürfe. 1 Zwischen den einzelnen EU-Staaten bestehen im Hin- blick auf den Konjunkturverlauf nach wie vor erhebliche Unterschiede. Relativ hohe Wachstumsraten konnten 2014 die meisten osteuropäischen Länder verzeichnen, in denen das BIP zwischen 2 und 3,6 % anstieg. In einem ähnlichen Rahmen bewegten sich die Zuwachsraten in Schweden (2,1 %), Großbritannien (+2,8 %), Luxemburg (+3,1 %) und Malta (+3,5 %). Den größten Wirtschafsaufschwung im Jahr 2014 erlebte Irland, dessen BIP sich nach einer längeren Stagnations- und Krisenphase um 4,8 % erhöhte. Demgegenüber blieb das Wirtschafswachstum in den meisten west- und südeuropäischen Ländern mit Werten zwischen 0,4 % in Frankreich und 1,6 % in Deutschland eher verhalten. Allerdings konnten einige südeuropäische Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien erstmals seit meh- reren Jahren überhaupt wieder positive Wachstumsraten verzeichnen, nachdem ihre Wirtschafsleistung in den Vor- jahren stark zurückgegangen war. Schließlich befanden sich vier europäische Länder auch 2014 noch in einer Rezession, mit einer rückläufgen BIP-Entwicklung. Hierzu gehörten Finnland (–0,1 %), Italien (–0,4 %), Kroatien (–0,4 %) und als Schlusslicht Zypern (–2,3 %). Für 2015 erwartet die Eu- ropäische Kommission, dass alle europäischen Länder auf einen positiven Wachstumspfad zurückkehren (Tabel- le 1). 1 Im Folgenden wird, falls nicht anders ausgewiesen, auf Daten der Annual Macro-Economic Database (AMECO) zu- rückgegriffen, die von der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen (GD ECFIN) der Europäischen Kommission be- reitgestellt wird (http://ec.europa.eu/economy_finance/db_ indicators/ameco/index_en.htm). Bei den Angaben für 2015 handelt es sich um Prognosedaten der Europäischen Kommission, die im Mai 2015 veröffentlicht wurden (vgl. Europäische Kommission 2015). © WSI Mitteilungen 2015 Diese Datei und ihr Inhalt sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Verwertung (gewerbliche Vervielfältigung, Aufnahme in elektronische Datenbanken, Veröffent- lichung online oder offline) sind nicht gestattet. https://doi.org/10.5771/0342-300X-2015-6-447 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 20.07.2018, 04:31:08. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.