WSL Berichte, Heft 144, 2023 Forum für Wissen 2023: 17–24 doi.org/10.55419/wsl:35224 17 Dynamik von Störungen in Wäldern auf der Alpennordseite von 1900 bis 2022 Thomas Wohlgemuth 1 , Valentin Queloz 1 , Barbara Moser 1 , Gianni Boris Pezzatti 2 , Daniel Scherrer 1 , Yann Vitasse 1 und Marco Conedera 2 1 Eidg. Forschungsanstalt WSL, Birmensdorf, Schweiz, thomas.wohlgemuth@wsl.ch, valentin.queloz@wsl.ch, barbara.moser@wsl.ch, daniel.scherrer@wsl.ch, yann.vitasse@wsl.ch 2 Eidg. Forschungsanstalt WSL, Cadenazzo, Schweiz, boris.pezzatti@wsl.ch, marco.conedera@wsl.ch Werden Störungen in Wäldern auf der Alpennordseite in den nächsten Jahrzehn- ten zunehmen? Auf der Suche nach Antworten liefern quantitative Angaben über Waldschäden wie Sturmholz, Käferholz, Bruchholz und Waldbrandflächen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute konkrete Anhaltspunkte. Trotz Unvoll- ständigkeit der Datenreihen zeigen die meisten Trends eine starke Zunahme der Waldschäden infolge von Störungen seit den 1980er-Jahren an. Gründe dafür sind der verschärfte Klimawandel, steigender Holzvorrat, invasive Schadorganismen und verschiedene Interaktionen. Wir gehen davon aus, dass diese Trends sich in gleicher Richtung fortsetzen werden. 1 Einleitung Seit es schriftliche Aufzeichnungen gibt, zählen meteorologische Extremereig- nisse und dadurch direkt oder indirekt ausgelöste Schäden an Bauten, Kultu- ren und Wäldern zu den häufig erwähn- ten Mitteilungen. Dazu gehören starke Niederschläge, die zu Überschwem- mungen und Rutschungen führen, an- haltende Trockenheit beziehungsweise Dürren mit direkten Auswirkungen auf Land- und Forstwirtschaft sowie damit verbunden ein erhöhtes Waldbrandri- siko und Befall geschwächter Bäume durch Schadorganismen. Spätfröste führen in der Landwirtschaft oft zu er- heblichen Ernteausfällen, können aber auch Bäume während des Austriebs ihrer Blätter empfindlich schwächen. Nicht nur orkanartige Stürme haben verheerende Schäden in Wäldern er- zeugt, sondern auch grosse Schneemen- gen. Ein Gradmesser für solche Ex- tremereignisse und Störungen (in der Folge als Störungen zusammengefasst) sind die erzeugten Schäden, die der Öf- fentlichkeit und den Waldbesitzern ent- stehen (z. B. Möhring et al. 2021). Mit der systematischen Erfassung von me- teorologischen Parametern wie Luft- druck, Regenmengen, Temperaturen und Windgeschwindigkeit sind Witte- rungsextreme räumlich und zeitlich quantifizierbar. Demgegenüber blei- ben Berichte über Schäden mit einigen Ausnahmen mehr oder weniger hete- rogen und daher unvollständig, sowohl raumzeitlich als auch bezüglich Aus- mass in Volumen, Fläche beziehungs- weise Verlust von Ökosystemleistung. Für die Erfassung von Schäden durch Störungen wird je nach Ereignis unter- schiedlich viel Aufwand betrieben. Dies ist einer der Gründe, weshalb die ak- tuell oft diskutierte Frage, ob Störun- gen in der Häufigkeit und Intensität zu- nehmen, nicht einfach zu beantworten ist. Europaweite Erhebungen belegen, dass der Verlust von Holzmasse infolge von Störungen in Wäldern seit 1950 deutlich zugenommen hat (Patacca et al. 2023), und Berechnungen anhand von Modellen gehen von einer weite- ren Zunahme für die nächsten Jahre in Europa aus (Seidl et al. 2017). In die- sen Publikationen sind auch Zahlen aus der Schweiz enthalten, doch sind diese im Detail unvollständig und rei- chen nur bis 1950 zurück. Im vorliegen- den Bericht werden die aktuell greifba- ren Daten über Störungen und deren Auswirkungen auf den Schweizer Wald der Alpennordseite für den Zeitraum von 1900 bis 2022 quantifiziert und ein- geordnet. Davon ausgehend wird ein Blick in die Zukunft gewagt. 2 Material und Methoden Witterungsextreme oder klimatische Extremereignisse definieren sich durch stark abweichende meteorologische Messwerte in langjährigen Messreihen. Sie können, müssen aber nicht unbe- dingt zu Schäden in Wäldern oder in der Landwirtschaft führen. Falls sie ein rasches Absterben von Biomasse ver- ursachen, werden sie als Störungen be- zeichnet. Der Prozess der Störung ver- ändert sowohl den Lebensraum als auch die Verfügbarkeit von Ressourcen (erweitert nach Jentsch et al. 2019). Im Perimeter «Alpennordseite» sind Jura, Mittelland, Voralpen und Zentralalpen (Graubünden und Wallis ohne ihre Südtäler) vereint. Unser Fo- kus richtet sich auf die schadeninten- sivsten Störungsursachen Wind (Win- terstürme, Sommergewitter, Föhn- stürme Sturmholz), Schädlingsbefall (hauptsächlich Borkenkäfer Käfer- holz), Baumkrankheit (Eschentrieb- sterben), Schnee- und Eisbruch ( Bruchholz), Lawinen, Waldbrand und «andere Störungen», in denen der Be- fall durch andere Insekten und weitere Massenbewegungen enthalten sind. Berücksichtigt wurde das Zeitfens- ter von 1900 bis 2022. In der wichtigs- ten Quelle für frühere Waldschäden, die Bütikofer-Datensammlung (Büti- kofer 1987), wurden etwa ab 1900 ver- schiedene Waldschäden als Folge von Störungen – insbesondere Sturmholz, Käferholz, Bruchholz, Waldbrandflä- chen und Schäden durch Massenbewe- gungen – immer öfter als Kubikmeter Holz, als Anzahl Stämme und als Flä- che in Hektaren beziffert. Für die Ver- gleichbarkeit aller Schäden wurden in Analogie zu europäischen Quantifizie- rungen (Patacca et al. 2023) kubische Werte verwendet. Angaben zu Schäden in Hektaren wurden über die gesam- ten Periode 1900–2022 mit 1 ha=100 m 3 umgerechnet, trotz landesweiter Zu- nahme des Holzvorrats während dieser Zeit (z. B. Usbeck et al. 2010a), und An- gaben in Stämmen mit 1 Stamm = 1 m 3 umgewandelt.