4 1 - 2024 B ELTZ J UVENTA | MIGRATION UND S OZIALE A RBEIT cen- und Verteilungsfunktionen. Hier lassen sich unter anderem das Aufenthaltsrecht, das Wahlrecht, der Zugang zum Arbeitsmarkt, das Bildungs- und Gesundheitssystem an- führen (Antidiskriminierungsstelle des Bun- des 2023). Rassismus beschränkt sich jedoch nicht auf die materielle Ebene, sondern steht in wechselseitiger Verknüpfung mit Prozes- sen der Sinnstiftung, Identifikation und Zuge- hörigkeit. Rassismus bietet ein Deutungs- und Interpretationsmuster der Welt an, um die eigene Position in der Welt und die Position Anderer zu deuten und zu legitimieren. Gera- de die Verschränkung von materiellen sowie symbolisch-diskursiven Wirkweisen und ge- sellschaftlichen Funktionen fundiert die Sta- bilität von Rassismus (Miles 1992: 107). Eine rassismuskritische Perspektive Mit dieser Perspektive auf Rassismus wird deutlich, dass Rassismus eine umfassende Struktur besitzt und als eine gesellschaftlich normalisierte und geteilte Unterscheidungs- praxis zu verstehen ist, die weit über Fäl- le rassistischer Gewalt und Formen physi- scher Übergriffe hinausgeht (Kourabas 2021: 78 ff.). Diese markieren lediglich die Spitze ei- ner gesellschaftlich verankerten Tiefenstruk- tur, in der Rassismus eine normalisierte und alltägliche Form der Unterscheidung darstellt (Mecheril/Melter 2010). Diese Perspektive auf Rassismus ist jedoch nicht als Bagatelli- sierung und Nivellierung von Rassismus zu verstehen. Die Alltäglichkeit mindert nicht die Gewaltförmigkeit von Rassismus und den konkreten, in unterschiedlichem Grad be- Rassismus kann als ein historisch gewachse- nes, sozial geteiltes und wirksames Deutungs- und Handlungsschema verstanden werden, das Menschen unter Rekurs auf die Vorstel- lung von ‚Rassen‘ Eigenschaften zuschreibt und sie darüber einteilt, ordnet, hierarchi- siert sowie ein- und ausschließt. Hautfarben, Körper, Sprachen und Namen dienen dabei als „Bedeutungsträger, als Zeichen innerhalb eines Diskurses um Differenz“ (Hall 2000: 7). Diese Eigenschaften werden herangezogen, um die hierarchische Einteilung von Men- schen über vermeintliche biologische Unter- schiede oder kulturelle Eigenschaften und Zuschreibungen zu legitimieren. Stuart Hall bezeichnet Rassismus daher auch als „sozi- ale Praxis“ (Hall 2000: 7), die einen mehr- dimensionalen Prozess der Produktion von Wissens-, Macht- und Bedeutungsprodukti- on kennzeichnet, die mit der Produktion von Aussagen über als anders markierte Subjekte und Gruppen verknüpft ist. Vorstellungen des Eigenen und des Anderen werden dabei über ein relationales, aber hierarchisches Verhält- nis gefestigt. Mit dieser rassismustheoreti- schen Perspektive wird Rassismus als „gesell- schaftliches Verhältnis [Hervorhebungen im Original]“ (Rommelspacher 2009: 29) in den Blick genommen und eine Analyse und Kri- tik des Rassismus verfolgt, die davon ausgeht, dass Rassismus in gesellschaftlichen Struktu- ren in doppelter Weise wirksam ist: auf einer materiellen Ebene sowie einer damit ver- schränkten, symbolisch-diskursiven Ebene (Kourabas 2021: 85 f.). Rassismus erfüllt auf materieller Ebene gesellschaftliche Ressour- Was heißt rassismuskritisch handeln? Perspektiven (in) der Sozialen Arbeit Veronika Kourabas