DGPhil 2024, Münster Sebastian Luft (Paderborn) Rortys pragmatische Kritik an der Phänomenologie und eine phänomenologische Replik Einleitung Dass eine Philosophie, die alle menschlichen Tätigkeiten, wozu auch das Bilden von Theorien gehört, nach dem praktischen Nutzen bewertet, mit einer Philosophie, die das „reine Schauen“ zelebriert, wenig anfangen kann, kann nicht überraschen. Aber abgesehen von dieser globalen Kritik hat der Neo-Pragmatiker Rorty an verschiede- nen Stellen seines Werks spezifische Kritik an der Phänomenologie geübt, die für Phänomenologinnen bedenkenswert ist. Diese Kritik lässt sich auf einige wesentli- che Punkte konzentrieren, von denen ich hier den wichtigsten herausgreifen möchte: die Kritik an der Beschreibung der (vermeintlich) vorsprachlich erfahrenen Lebens- welt, bzw. an der Naivität dieser Methode. Rorty hat diese Kritik v.a. in seiner Frühphase formuliert, als er an der Anthologie The Linguistic Turn (1967) arbeitete, die bei genauem Blick schon damals eine Kritik an der analytischen Sprachphilosophie formulierte. Diese Kritik trat dann in seinem Magnum Opus von 1979, Philosophy and the Mirror of Nature, als Verdikt gegenüber der gesamten westlichen Philosophie auf. Die Stoßrichtung lässt sich am Buchtitel ablesen; Rorty kritisiert die Auffassung von der Philosophie, die dem Repräsentatio- nalismus verfallen sei, also das Bewusstsein als passiv aufnehmenden Spiegel der Natur auffasst. Später hat er sich so gut wie nicht mehr zur klassischen Phänomeno- logie geäußert, denn sie ist für ihn ein geradezu klassisches Beispiel eines Neo-Car- tesianismus, der erneut dieser Tendenz verfällt, die der Pragmatismus längst über- wunden hat. Insbesondere Husserl – nicht jedoch Heidegger – trifft diese Kritik. Doch auch die analytische Sprachphilosophie ebenso wie die Bewusstseinsphiloso- phie in der Nachfolge von Descartes, verfallen diesem Verdikt. Diese Auffassung teilt der junge Rorty allerdings nicht; im Gegenteil sieht er die Phä- nomenologie als eine alternative Konzeption zur analytischen Sprachphilosophie, eine Alternative allerdings, die er aber als eine solche Alternative angreift. Ich möchte im Folgenden diese Kritik, wie sie sich gegen die Phänomenologie richtet, vorstellen, sodann aber eine Entgegnung formulieren, die einerseits die Phänomeno- logie verteidigt, andererseits aber auch zeigt, wie Rortys Missverständnis der klassi- schen Phänomenologie einer fruchtbareren Auseinandersetzung im Wege steht.