Übersichtsarbeit
Nehmen autistische Störungen zu?
Eine kritische Beurteilung epidemiologischer Studien
S. Weinmann
1
; S. Roll
1
; S. Willich
1
; J. M. Fegert
2
; M. Kölch
2
1
Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité Universitätsmedizin Berlin;
2
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm
Schlüsselwörter
Autismus, Prävalenz, Erfassungsfehler
Zusammenfassung
Gegenstand und Ziel: Die Prävalenz des früh-
kindlichen Autismus und anderer Störungen
aus dem Autismusspektrum stieg in den letz-
ten Jahren kontinuierlich. Die Prävalenz für
den frühkindlichen Autismus lag in den
1970er-Jahren bei unter drei pro 10 000 Kin-
dern, in den 1990er-Jahren bei über 30. Me-
thoden: Literaturrecherche von Studien und
Metaanalysen zur Epidemiologie des Autis-
mus und selektive Bewertung der Studien-
ergebnisse hinsichtlich des Erklärungsanteils
von methodischen Aspekten und Veränderun-
gen des Versorgungssystems. Ergebnisse: Die
Veränderung der Diagnosekriterien, bessere
Screeningmethoden und gestiegene Reprä-
sentativität der untersuchten Bezugspopula-
tion, mehr Bewusstsein bei Eltern, Lehrern
und Therapeuten und höhere Behandlungsra-
ten können einen Großteil der Steigerung der
Prävalenzraten erklären. Sie erklären jedoch
nicht die gesamte Zunahme. Schlussfolgerun-
gen: Ein realer Anstieg der Häufigkeit autisti-
scher Syndrome ist nicht auszuschließen. Eine
Erklärungsmöglichkeit ist die Zunahme des
Anteils an Frühgeburten und an überlebenden
Kindern mit prä- und perinatalen Risikofakto-
ren. Eine Erhebung in Deutschland könnte zur
Abschätzung des künftigen Versorgungs-
bedarfs betragen.
Korrespondenzadresse
Dr. Stefan Weinmann
Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und
Gesundheitsökonomie
Charité Universitätsmedizin Berlin
Luisenstraße 57, 10117 Berlin
Stefan.Weinmann@charite.de
Keywords
Autism, prevalence, detection bias
Summary
The prevalence of autism spectrum disorders
as reported by epidemiological studies has
been rising in the last years. In the USA and
other countries the overall estimate of preva-
lence of typical autism was three per 10 000 in
the 70ies and above 30 per 10 000 in the 90ies
of the last century. The objective of this paper
was to review results of surveys on the preva-
lence of autism and to discuss if methodologi-
cal factors are responsible for its increase. We
found that change in diagnostic criteria,
better case identification, increasing aware-
ness among parents, teachers and profes-
sionals and higher treatment rates accounts
for the majority of this increase. However it re-
mains a rest that might warrant further expla-
nation. In conclusion a real increase in autism
cannot be ruled out. Possible explanations are
the increasing rate of preterm births and pre-
natal environmental factors. A survey on aut-
ism in Germany could contribute to define the
public health burden and future care needs in
this country.
Are autistic disorders increasing in prevalence?
A critical evaluation of epidemiological studies
Nervenheilkunde 2009; 28: 819–828
Eingegangen am: 26. September 2008;
angenommen am: 17. Februar 2009
Störungen aus dem autistischen Formenkreis
sind mit einer dauerhaften Entwicklungs-
beeinträchtigung und einer zum Teil starken
Einschränkung des sozialen Funktions-
Nervenheilkunde 11/2009
819 © Schattauer 2009
niveaus verbunden. Die Kernsymptome be-
treffen die Bereiche soziale Interaktionen,
Sprache/Kommunikation und Verhaltens-
auffälligkeiten (Tab. 1). Nach den üblichen
Klassifikationssystemen gibt es unterschiedli-
che Formen des Autismus, von leichten autis-
toiden Syndromen bis hin zu den schweren
Vollbildern des frühkindlichen (typischen)
Autismus.
Die Angaben zur Prävalenz autistischer
Syndrome zeigen eine hohe Variabilität, sie
bewegen sich zwischen 0,7 und 72,6 pro
10 000 Einwohner (16). Eine Metaanalyse von
40 Studien über einen Zeitraum zwischen
1966 und 2004 ergab für den frühkindlichen
Autismus eine durchschnittliche Prävalenz
von 7,1 pro 10 000 Einwohner und für alle
Formen des Autismus eine durchschnittliche
Prävalenz von 20 Betroffenen pro 10 000 (58).
In einer englischen Populationsstudie lag die
Prävalenz des frühkindlichen Autismus im
Alter von neun bis zehn Jahren bei 38,9 pro
10 000 und die anderer Autismusformen bei
77,2 pro 10 000 (4), was zu einer Gesamtprä-
valenz von 116 pro 10 000 addiert. Damit wä-
re davon auszugehen, dass mehr als 1% aller
Menschen Beeinträchtigungen haben, die au-
tistischen Syndromen zugeordnet werden
können. Nur ein Drittel der Betroffenen er-
füllte jedoch die strengen Diagnosekriterien
des frühkindlichen Autismus (4). Auch in ei-
ner amerikanischen populationsbasierten
Studie in 14 Bundesstaaten wurde eine
durchschnittliche Prävalenz von Störungen
aus dem Autismusspektrum von 66 pro
10 000 berichtet. Die Bandbreite reichte von
3,3 (Alabama) bis 106 (New Jersey) pro
10 000 (10). Die kumulative Neuerkran-
kungsrate (Inzidenzrate) für alle Formen des
Autismus soll bis zum 7. Lebensjahr bei 88,5
pro 10 000 liegen (26). Für Deutschland gibt
es mit Ausnahme einer älteren Studie von
1986 (50) keine größeren epidemiologischen
Untersuchungen.
Auffällig ist, dass die Prävalenzangaben
der verschiedenen Studien vom Jahr der Er-
hebung abhingen und in den letzten Jahr-
zehnten kontinuierlich zugenommen haben.
Während in Untersuchungen aus den
1960er- und 1970er-Jahren Prävalenzen von
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