37 Gerd Gigerenzer Einfache Heuristiken für komplexe Entscheidungen Meine Damen und Herren, wie treffen Sie Entscheidungen? Wenn Sie ein Lehrbuch über rationales Urteilen, Denken oder Verhalten öffnen, werden Sie wahrscheinlich folgendes lesen: Gute Entscheidungen folgen den Regeln der Logik, den Gesetzen der Wahrschein- lichkeitstheorie oder der Maximierung des erwarteten Nutzens. Wenn Ihr Denken davon abweicht, stehen Sie im Verdacht, irrational zu urteilen. Diese und verwandte Ideale prägen das Bild vom vernünftigen Menschen in Bereichen der Ökonomie, Philosophie, Risikoforschung, kognitiven Psychologie, Politikwissenschaft – bis hin zu utilitaristischen Moraltheorien. Wirkliche Menschen scheinen nicht diesen idealen Bildern zu gleichen, in denen man von möglichst vollständigem Wissen, perfektem Gedächtnis und rechnerischen Fähig- keiten ausgeht. Nebenbei bemerkt, selbst unsere heutigen Computer können diesem Anspruch nicht immer gerecht werden. Menschen folgen oft Gewohnheiten, Daumen- regeln oder verlassen sich auf das Urteil anderer. Nun, wie treffen Sie Entscheidungen? Sehen Sie sich jede Alternative genau an, den- ken Sie über alle möglichen Konsequenzen nach und schätzen Sie deren Wahrschein- lichkeiten und Nutzen sorgfältig ab? Beispielsweise haben Ökonomen bemängelt, daß viele von uns bei besonders wichtigen Entscheidungen – wie einen Ehepartner zu finden – nach besonders wenig Information suchen. Nach den vorliegenden Statistiken haben etwa 75 % aller heute 50- bis 60jährigen Amerikaner die erste (!) Frau ihres Lebens geheiratet. Bei den 40- bis 50jährigen sind es immer noch 50 % und bei den 30- bis 40jährigen 33 %. Wäre es denn rational, mehr potentielle Partner zu testen? So viele wie möglich? Der Astronom Johannes Kepler – so wird berichtet – soll rational in diesem Sinne vor- gegangen sein, als er nach einer unglücklichen ersten Ehe eine zweite Frau suchte. Er hat sich ein bis zwei Jahre Zeit genommen, um etwa ein Dutzend Frauen genauer zu studieren. Freunde haben ihm geraten, Nummer vier zu heiraten, aber er folgte dem Rat nicht, da er der Ansicht war, mehr Informationen zu benötigen. Die Legende sagt, daß der rationale Umgang Keplers mit zwischenmenschlichen Beziehungen von dieser Dame als unwürdig und verletzend empfunden wurde und sie sich daher aus seinem „choice set“ verabschiedet habe. Trotzdem scheint Kepler eine glückliche zweite Ehe geführt zu