Die folgende Vorlesung wurde nun schon zum zweitenmal abgesagt – der erste Termin war für an- fangs Herbstsemester 2020 vorgesehen. Auf vielfältigen Wunsch, und weil ich sie nicht bis zum Sankt- Nimmerleinstag zurückhalten will, habe ich hier einen leicht ausführlicheren Text bereitgestellt, in dem als Ersatz für die dahingefallenen mündlichen Demonstrationen zahlreiche «Links» unterge- bracht sind. Diejenigen im Text führen hinaus ins Internet, die Schaltflächen am Rand zu eingebauten kurzen Tondokumenten. Beide enthalten für das Verständnis wichtige Informationen. Die Fussnoten geben Zusatzhintergrund. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen! Rudolf Wachter, 14.12.2021 * * * * * * * Abschiedsvorlesung Universität Basel, 9. Dezember 2021 «Orality» – Textrezitation in den klassischen indogermanischen Sprachen Sanskrit, Griechisch und Latein Was die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft der indogermanischen Sprachen üblicherweise macht, ist kurz gesagt dies: Sie erforscht und rekonstruiert die Geschichte und Vorgeschichte vieler Sprachen von Indien bis Island aufgrund der Erkenntnis, dass diese Sprachen miteinander verwandt sind, das heisst alle von einer gemeinsamen Grundsprache abstammen, die wir Urindogermanisch nennen. Von dieser gibt es keine schriftlichen Zeug- nisse, ja es können kaum je welche existiert haben, denn zu ihrer Zeit – etwa 3000 v. Chr. – konnten die Menschen in den Gegenden, wo sie gesprochen wurde, noch gar nicht schreiben. Doch können wir durch genauen Vergleich der späteren, bezeugten Sprachen und unter Be- rücksichtigung vor allem des regelmässigen Lautwandels viele Wörter und Formen dieser indogermanischen Grundsprache mit grosser Sicherheit rekonstruieren. Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft interessiert sich nun aber nicht nur für die Sprache selbst, sondern auch für die Dinge des täglichen Lebens ihrer Sprecher. Besonderes Interesse verdient dabei eine alte poetische Tradition, die in mehreren wichtigen Zweigen der indogermanischen Sprachfamilie als voll ausgebildete, kraftvolle Literatur aus der schriftlosen Prähistorie in die Historie eintritt, weshalb man schon lange vermutet, dass diese poetische Tradition bis in die grundsprachliche Zeit zurückreicht. In Europa beginnt die Literaturgeschichte bekanntlich um 700 v. Chr. bei den Griechen mit einem regelrechten Paukenschlag, nämlich den Gedichten von Homer und Hesiod. In dieselbe Sphäre gehört auch eine Gruppe von leicht jüngeren Hymnen an die Götter. Was die Vorge- schichte dieser frühgriechischen Dichtung betrifft, wissen wir seit über 150 Jahren, dass jene Dichter bereits in einer langen Tradition gestanden sein müssen. Seit der Mitte des 19. Jahr- hunderts haben Indogermanisten nämlich auf dichtersprachliche Ausdrücke aufmerksam gemacht, die den Schluss erlauben, dass schon die Urindogermanen eine Art Heldendichtung kannten. Das bekannteste Beispiel ist der Ausdruck «unvergänglicher Ruhm», der im Grie- chischen und Altindischen aus denselben beiden Wörtern zusammengesetzt ist, einem Sub-