Die Methode der Politischen Phänomenologie: Interrogation, Exposition, De- monstration Steffen Herrmann, FernUniversität in Hagen Final draft. Erschienen in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie,71:6, 2024, DOI: 10.1515/dzph-2023-0067 Abstract: Husserl always endeavored to establish phenomenology as a 'rigorous science' and therefore linked its development to methodological considerations from the very beginning. Such considerations are often lacking in current debates on political phenomenology. This ar- ticle aims to remedy this deficit. It argues that political phenomenology reinterprets Husserl’s methodological principles of epoché and reduction and transforms them into what can be termed interrogation and exposition. In addition, a further, often overlooked principle of Hus- serl's method is uncovered, which is referred to here as demonstration. It is through this triad of interrogation, exposition and demonstration that contemporary political phenomenology adapts and transforms the method of classical phenomenology. The themes of whiteness and race are used to show how these principles can be applied to the analysis of political struggles. Keywords: phenomenological method, interrogation, exposition, demonstration, whiteness, race, political phenomenology Was die Phänomenologie seit jeher attraktiv macht, ist ihr Ausgang von der Konkretion der Ersten-Person-Perspektive. 1 Husserl spricht diesbezüglich von der „natürlichen Einstellung“. 2 ‚Natürlich‘ ist dabei nicht im Sinne von naturbestimmt zu verstehen, sondern vielmehr im Sinne von alltäglich. Es ist das „in die Welt hineinlebende Ich“, bei dem die phänomenologische Un- tersuchung ihren Ausgang nimmt und dessen Untersuchung sie zu ihrer zentralen Entdeckung geführt hat: der Intentionalität des Bewusstseins. 3 Gemeint ist damit der Umstand, dass wir etwas immer schon ‚als etwas‘ vernehmen. Bewusstsein ist immer auf etwas gerichtet, das es je schon sinnhaft auffasst. Der Prozess der Sinnbildung fängt jedoch nie bei einem archimedi- schen Nullpunkt an, sondern er greift auf Traditionen und Routinen zurück, die zusammen ein Reich der „Vorgegebenheit“ und „Vormeinung“ bilden. 4 Die Aufgabe der Phänomenologie be- steht nun darin, diese Vorgegebenheiten und Vormeinungen zum Gegenstand der Analyse zu machen, um so das alltägliche Dasein über sich selbst aufzuklären. Kritisch verspricht diese Methode zu sein, weil in diesem Prozess neben konstitutiven auch problematische Vorannah- men und Vorurteile zum Vorschein kommen, die in der natürlichen Einstellung am Werk sind. Die kritische Auseinandersetzung mit unserer Erfahrung macht bis heute die Attraktivität des phänomenologischen Projekts aus, das unter den Titeln einer Kritischen und Politischen Phänomenologie jüngst zu einem lebhaften und kontroversen Forschungsfeld geworden ist. 5 Der Fokus auf die gelebte Erfahrung zeigt dabei, dass Vorurteile keine mentalen Einstellungen sind, sondern in unserer sinnlichen Wahrnehmung und unserem leiblichen Responsorium 1 Der vorliegende Beitrag stellt eine Fortführung meiner methodischen Überlegungen aus Herrmann (2023) dar. Ich danke meinem Freund und Kollegen Matthias Flatscher für Anregungen und Hinweise bei der Ausarbeitung dieses Beitrags. 2 Husserl (1973), 125. 3 Ebd., 72. 4 Husserl (2002), 382, 303. 5 Vgl. etwa Weiss, Murphy, Salamon (2020); Magrì, McQueen (2022); sowie: Herrmann, Thonhauser, Loidolt u.a. (2024).