Leitthema Z. Epileptol. https://doi.org/10.1007/s10309-022-00491-y Angenommen: 18. März 2022 © Der/die Autor(en) 2022 Antiepileptische Pharmakotherapie im Alter: evidenzbasiertes Vorgehen versus klinischer Alltag Martin Holtkamp 1,2 · Günter Krämer 3 1 Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Epilepsie- Zentrum Berlin-Brandenburg, Berlin, Deutschland 2 Institut für Diagnostik der Epilepsien, Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, Epilepsie-Zentrum Berlin-Brandenburg, Berlin, Deutschland 3 Neurozentrum Bellevue, Zürich, Schweiz In diesem Beitrag Der älter werdende Patient Natürlicher Verlauf von Epilepsien · Absetzen von Antiepileptika · Reduktion unerwünschter Effekte von Antiepileptika Neu aufgetretene Epilepsie bei älteren Pa- tienten Primärprophylaxe · Sekundärprophy- laxe · Klinischer Alltag · Aktuelle Empfehlungen Die englische Version dieses Beitrags ist unter https://doi.org/10.1007/s10309-022-00492-x zu finden. QR-Code scannen & Beitrag online lesen Zusammenfassung Bezüglich der Altersepilepsie oder Epilepsie im Alter müssen 2 Patientengruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Problemen unterschieden werden, die in diesem Artikel auch separat behandelt werden: die mit ihrer Epilepsie alt gewordenen Patienten und die mit einer erstmals im höheren Lebensalter auftretenden Epilepsie. Diagnostisch ist die erste Gruppe unproblematisch – es gibt nur relativ selten Patienten mit einer über Jahrzehnte tradierten Fehldiagnose einer Epilepsie. Demgegenüber werden im höheren Lebensalter beginnende Epilepsien wegen ihrer oft vergleichsweise harmlosen Semiologie inklusive eines nonkonvulsiven Status epilepticus häufiger verkannt oder erst verzögert diagnostiziert. Therapeutisch stellt sich bei den „gealterten“ Epilepsien häufiger die Frage eines Wechsels von einem „alten“ Antiepileptikum mit erhöhtem Risiko unerwünschter Effekte auf den Stoffwechsel sowie auf kognitive Parameter wie Wachheit und Gedächtnis auf einen „modernen“ Wirkstoff. Viele neuere Antiepileptika bieten zwar Vorteile, andererseits treten häufiger beispielsweise psychiatrische unerwünschte Wirkungen auf. Bei langer Anfallsfreiheit stellt sich natürlich auch die Frage eines Absetzens oder zumindest Reduzierens der Dosis der Antiepileptika. Bei Beginn einer Epilepsie im höheren Lebensalter sind bei der Auswahl eines dann in der Regel lebenslang einzunehmenden Antiepileptikums nicht zuletzt die zahlreichen Komorbiditäten und bereits bestehenden Medikationen individuell zu berücksichtigen. Ziele des vorliegenden Beitrags sind eine gestraffte Darstellung des derzeitigen Wissensstands und eine Hilfestellung bei der Betreuung älterer Patienten im Spannungsfeld der begrenzten evidenzbasierten Datenlage und der Notwendigkeit einer therapeutischen Entscheidung im klinischen Alltag. Schlüsselwörter Älterer Patient · Anfallsfreiheit · Antiepileptika· Nebenwirkungen · Wirksamkeit Epilepsien gelten oft als lebenslange Er- krankungen; da die Mortalität nicht re- levant erhöht ist, altern viele Patienten mit ihrer Epilepsie. Dies bedarf dann im Laufe der Jahre einer Anpassung der anti- epileptischen Therapie, sei es in der Aus- wahl der Antiepileptika oder in der Re- duktion der bisherigen Dosis. Die Inzidenz von epileptischen Anfällen und Epilepsien zeigt einen U-förmigen Verlauf, sie steigt ab dem 60. Lebensjahr signifikant an; die häufigsten Ursachen sind zerebrovaskulä- reund neurodegenerativeVeränderungen. Diese Altersepilepsien sind mitunter eine diagnostische Herausforderung, bei vielen Patienten sprechen sie aber gut auf Anti- epileptika an. Zeitschrift für Epileptologie 1