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1 Das Anzahlproblem: Eine Quelle der Unbestimmtheit
des Altruismus
Der Egoismus ist – nach einer gängigen Bestimmung – diejenige praktische Ein-
stellung, die sich von egoistischen Handlungsgründen leiten lässt, wobei egoisti-
sche Gründe auf die eigene Person und deren Wohl bezogen sind. Er anerkennt
Wohlergehen als Handlungsgrund, insoweit und weil es das Wohlergehen der ei-
genen Person ist. Den Altruismus verstehe ich entsprechend als praktische Einstel-
lung, die sich von altruistischen Gründen leiten lässt, wobei altruistische Gründe
auf andere Personen und deren Wohl bezogen sind. (Es ist dabei ohne Weiteres
möglich, als Akteur partiell egoistisch und partiell altruistisch eingestellt zu sein.)
Der Altruismus anerkennt Wohlergehen als Handlungsgrund, insoweit und weil es
das Wohlergehen einer anderen Person ist.
Im Sinne der normativen Wahrheits- und Konsensfindung wäre es wünschens-
wert, wenn ein so definierter Altruismus begrifflich wohlbestimmt wäre, wenn also
keine Vielzahl möglicher Altruismen existierte. Wäre dies der Fall, bliebe nach der
Beantwortung der Frage, inwieweit wir uns altruistisch orientieren sollten, nicht
die weitere Frage offen, welchen der möglichen Altruismen wir uns zu eigen ma-
chen sollten. Auch praktisch wäre die begriffliche Wohlbestimmtheit höchst wün-
schenswert: Für altruistisch eingestellte Akteure wäre es in diesem Falle eindeutig,
welches Ziel sie zu realisieren haben, und sie könnten ihre ungeteilte Aufmerk-
samkeit der strategischen Frage widmen, wie sich das Ziel am besten erreichen
lässt. Andernfalls müssten sie damit rechnen, mit zusätzlichen Unsicherheiten und
Welcher Altruismus?
Zahlengläubige und
zahlenskeptische Varianten
Adriano Mannino
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D. Kiesel et al. (Hrsg.), Altruismus, https://doi.org/10.1007/978-3-662-69384-1_7
A. Mannino (*)
University of California, Berkeley, USA
E-Mail: manninoadriano@berkeley.edu