Mit der Mysk zu den Waffen? Polisch-theologische Anmerkungen zur Gewalrage bei Thomas Müntzer im 500. Jahr seiner Hinrichtung Stefan Silber Grafik: 5-Mark-Schein der DDR Abstract: Das Ziel dieses Beitrags ist es, die Frage der Anwendung von Gewalt als eine polisch- theologische Schlüsselfrage herauszustellen, vor der Menschen im 16. wie im 21. Jahr- hundert stehen. Die myssche Theologie Thomas Müntzers kann aus dieser Perspek- ve helfen, sich für die Gewalreiheit zu entscheiden, um den Glauben an den befreien- den Go auch innerhalb widriger polischer und gesellschaſtlicher Bedingungen zu verwirklichen. Am 27. Mai 1525 wurde im thüringischen Mühlhausen mit Thomas Müntzer ein Mann hingerichtet, dessen Erbe widersprüchlich und umstrien bleibt. Angefeindet von Geg- nern wie von Befürworten der Reformaon in Deutschland, toleriert von den einen Fürsten und verfolgt von den anderen, predigte er gegen Aufruhr und Krieg, bis er sich selbst an die Spitze eines Bauernheers stellte und zusammen mit diesem aufgerieben wurde. Dass im 20. Jahrhundert Verantwortliche in der DDR ihre Sympathie für den Re- formator entdeckten, trug nicht zu seiner Reputaon bei – weder im Westen noch in den christlichen Kirchen. Wer sich mit den Schriſten und der Biografie dieses Mannes beschäſtigt, kann dagegen auch einen ehrlich besorgten Prediger und Seelsorger entdecken, der von der Mysk vorangegangener Jahrhunderte geprägt war und die Bibel nicht nur mit großer Begeis- terung studierte, sondern nach den Bedingungen für praksche Konsequenzen des Glaubens in seiner Gegenwart forschte. Müntzer schrieb liturgische Texte, verfasste und verdeutschte Hymnen und Lieder und forderte, „daß die unverdrossenen Knechte Goes täglich die Bibel treiben mit Singen, Lesen und Predigen“ 1 . Wie kam dieser Mensch, der die myssche Begabung jedes einzelnen Menschen nicht nur behauptete, sondern auch praksch zu fördern sich vornahm, dazu, am Ende sei- nes Lebens zu den Waffen zu greifen und zu fordern, „daß man die golosen Regenten, sonderlich Pfaffen und Mönche töten soll, die das heilige Evangelium (eine) Ketzerei schelten und gleichwohl die besten Christen sein wollen“ 2 ? In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, dass für Müntzer eine kohärente spirituelle Lo- gik in dieser Entwicklung lag. Gleichwohl bin ich im Abstand von 500 Jahren der Mei- 1 MÜNTZER, Schriſten 64. Zitat vom Beginn der Fürstenpredigt. Alle Zitate aus dieser Ausgabe der Schriſten und Briefe Müntzers folgen der von Wehr vorgenommenen Übertragung ins heuge Deutsch. 2 MÜNTZER, Schriſten 80. Zitat vom Ende der Fürstenpredigt.