Diskussion Musikpädagogik 100/23 Hundert – Blick zurück Abstract A critical acclaim of the first 99 issues calls for a rough review of all volumes and their articles and the most relevant contents. For this, it is impossible to evaluate or even mention each in- dividual contribution nor to just pick up a few of the most im- portant texts to rank them according to their impact on music pedagogy. Rather, it is intended to draw some general lines across the varied aspects and themes addressed by the editor(s) and authors. In this regard, a statistical survey of topics and categories may help to follow the development of the journal from the beginning up to now. However, I will also point to aspects that are critical or need to be deepened or extended. At large, this review strives for an appraisal of the journal in its entirety with a brief prospect of future intentions. Gebeten, zur 100. Ausgabe von Diskussion Musikpädagogik eine Würdigung der bisher erschienenen 99 Hefte vor- zunehmen, steht man am Regal vor einer bunten Reihe der zahlreichen Einzelhefte mit den farblich variierenden Umschlägen, die man nun noch einmal eins nach dem anderen durchsieht, hier und da innehält, weiterblättert, liest, verweilt. Viele unterschiedliche Gedanken schießen einem dabei durch den Kopf, wenn man die einzelnen Hefte von der Gründung und konzeptionellen Planung durch Christoph Richter mit der ersten Ausgabe 1.1999 durch 25 Jahrgänge bis zur Gegenwart noch einmal an- schaut. Es hat sich viel getan in der Musikpädagogik während dieser Jahre, aber die Zeitschrift scheint sich in ihrem äußeren Erscheinungsbild und ihrer thematischen Ausrichtung erstaunlich treu geblieben zu sein, sieht man einmal von dem Formatwechsel seit Heft 14 (2002) ab, der – begründet mit ökonomischen Zwängen – die bisherige „ohne Zweifel schönere“ Form (Lugert, 2002, S. 1) ablöste und bis heute gleichgeblieben ist. Darin findet man, was man früher eine „Bleiwüste“ nannte: überwiegend reinen Text ohne farbenfroh auflockerndes Bildmaterial und Grafikdesign. Nur gelegentlich gibt es einzelne Abbildungen und Notenbeispiele, ansonsten be- herrscht die Sprachlichkeit der Texte das Format – eine wohltuende Sachlichkeit, deren Fokussierung auf den In- halt der Textbeiträge sich deutlich abhebt von der bunten Bilderflut anderer Journale, die den Text visualisiert und inhaltlich zuweilen zu verdecken droht. Als wissenschaftliches Organ enthält die Zeitschrift DMP kaum unterrichtspraktische Materialien und Handreichungen, sondern möchte ein Ort gedanklicher Auseinandersetzung sein und so die Praxis reflektie- rend begleiten. Unverwechselbar prägte die Hand- schrift Christoph Richters bis zu seinem Tod (2020) die bildungspolitische Konzeption und gewährleistete dadurch eine beeindruckende Konsistenz, die immer auch neue Themen und Probleme aufgriff, sich aber mo- dischen Trends gegenüber eher zurückhaltend verhielt. Ich werde also ein paar Schritte vom Regal zurücktre- ten und aus fachlicher Perspektive die Zeitschrift noch einmal in zeitlicher Distanz Revue passieren lassen. Es versteht sich, dass es dabei unmöglich ist, jeden Beitrag zu bewerten oder auch nur zu erwähnen. Auch soll es nicht darum gehen, einzelne Texte herauszugreifen, die besonders signifikant die fachpolitische Entwicklung be- einflusst zu haben scheinen. Vielmehr sollen vor allem allgemeine Linien ihrer inhaltlichen Ausrichtung im Kontext bildungspolitischer Entwicklungen aufgezeigt werden. Ob dann der erste flüchtige Eindruck des Erin- nerns am Regal einer kritischeren Sicht standhält, wird im Folgenden zu prüfen sein. Vom Anfang bis heute Diskussion Musikpädagogik entstand 1999 in einer Zeit bildungspolitischer Umbrüche. Nachdem die Curricu- lum-Reform die Fachdidaktik kräftig durchgeschüttelt hatte und die Schulreform als abgeschlossen angesehen werden konnte (ist sie das bis heute?), verursachte der Bologna-Prozess tiefgreifende Änderungen im Bildungs- wesen. Zudem beeinflusste der Einzug digitaler Techno- logien in den Unterricht bisher etablierte Methodenkon- zepte und schärfte die Sicht auf die Organisation von Lernprozessen. In dieser Phase Ende der 1990er-Jahre war die Zeit reif für ein wissenschaftlich orientiertes mu- sikpädagogisches Periodikum. Die Idee zu einer neuen Zeitschrift kam zu einer Zeit, als der Lugert Verlag mit den Grünen Heften eine inhaltliche Sparte (Popularmusik) abdeckte und andere Zeitschriften für den schulischen Musikunterricht (Mu- sik und Bildung [Schott]; Musik und Unterricht [Fried- rich]; Musik in der Schule [Pädagogischer Zeitschriften Verlag]) die Unterrichtspraxis mit praktischen Unter- richtshilfen und -materialien in den Blick nahmen und diese allenfalls nach Schulstufen differenzierten. 2001 ergänzte und erweiterte das mip journal (Helbling) die Palette für die Sekundarstufe I mit der Bereitstellung konkreter Unterrichtsmaterialien und unterstützender elektronischer Medien. In dieser Situation wollte der Lugert Verlag mit einer wissenschaftlichen musikpä- Wilfried Gruhn Diskussion in der Musikpädagogik Kontinuität und Wandel