AUFSÄTZE Klaus Schlichte Der Streit der Legitimitäten. Der Konflikt als Grund einer historischen Soziologie des Politischen Das so erfolgreiche Governance-Paradigma, so argumentiert der Beitrag, hat be- trächtliche blinde Flecken. Aus einer Kritik seines negierten politischen Charakters lässt sich als positive Konsequenz die Forderung einer Rezentrierung des Begriffs des Politischen um den Konflikt als »Streit der Legitimitäten« ableiten. In der Un- terscheidung zwischen Zuständen der Macht und Zuständen der Herrschaft, für die die Größe der Legitimität konstitutiv ist, lässt sich zudem eine verdeckte Konvergenz in der politischen Soziologie erkennen, die von Karl Marx über Max Weber und Norbert Elias bis zu Michel Foucault reicht. Aus dieser These von der Zentralität der Konflikte um legitime Geltung lässt sich zudem eine fachübergreifende Per- spektive entwickeln, die für die Friedens- und Konfliktforschung, aber auch darüber hinaus neue Fragen aufwirft, zum Beispiel nach der Internationalisierung von Herrschaftszusammenhängen oder nach der Rolle des Gehorsams. Schlagworte: Konflikt, Governance, Politikbegriff, Politische Soziologie, Gehorsam Der blinde Fleck der Governance Wenn man deutsche Einführungen und Lexika der Politikwissenschaft der jüngeren Zeit in die Hand nimmt, dann kann man den Eindruck gewinnen, es seien alle grundsätzlichen Fragen geklärt. Schlägt man darin etwa nach, wie Politik definiert wird, dann trifft man überraschend oft auf eine Definition, die wohl von vielen deutschen Politologen geteilt wird: Politik ist demnach »die Regelung der gemein- samen Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch allgemein verbindliche Ent- scheidungen« (Fuchs/Roller 2007: 205). Ein anderer Definitionsversuch adressiert zwar die Normativität, die jeder Definitionsversuch des Politischen unvermeidbar darstellt: Politik sei als »Regelsetzung zu verstehen, an der all jene politisch beteiligt sind oder werden sollten, die der Herrschaft unterworfen sind« (Kreide/Niederber- ger 2011: 293). Auch diese Definition, die die Grenzen von Ordnungen immerhin 1. Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung 1. Jg (2012), Heft 1, S. 9 – 43 9 https://doi.org/10.5771/2192-1741-2012-1-9 Generiert durch IP '3.237.31.31', am 25.01.2022, 15:03:18. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.