Peter Schadt Der Haushalt in der politischen Ökonomie der Digitalisierung bei Ursula Huws Materialien zur politischen Ökonomie der Digitalisierung (IV) Ende 2023 erschien der Sammelband »Theorien des digitalen Kapitalismus« (Carstensen, Schaupp & Sevignani 2023), der mit Ursula Huws‘ Aufsatz »Sozia- le Reproduktion im Kapitalismus des 21. Jahrhundert« (Huws 2023, S. 43; Orig.: Huws 2019a) beginnt. Einmal mehr zeigt sich, dass an der Professorin of Labour and Globalisation an der University of Hertfordshire auch im deutschsprachigen Raum kein Weg vorbeiführt, wenn es darum geht, die soziale Reproduktion der Ware Arbeitskraft und die Frage der Wertproduktion digital unterstützter Kon- sumarbeit zu analysieren. 1 Obwohl die kritische Politische Ökonomie als eine der größeren Theorie- schulen bei der Analyse der Digitalisierung gilt (Carstensen, Schaupp & Sevigna- ni 2023, S. 9) und die Untersuchung der Veränderung der Arbeit nicht nur dort eine zentrale Rolle einnimmt (vgl. ebd., 2023, S. 11), werden Fragen zur Rolle des Werts der Ware Arbeitskraft im Zeitalter der Digitalisierung und der Rolle der Wertschöpfung digitaler Arbeiten eher in wissenschaftlichen Nischen disku- tiert. Für die großen Debatten gilt heute noch, was Huws bereits vor zehn Jahren schrieb: »Die aktuellen Debatten über ›digitale Arbeit‹ gehen an einigen dieser Fragen vorbei und vereinfachen andere zu stark.« 2 (Huws 2014, S. 82) Natürlich gibt es Ausnahmen. Eine gute, kritische Übersicht über die Debatte auf (relativ) aktuellem Stand ist bei Gamisch (2021) nachzulesen. In dem vorlie- genden Text konzentriere ich mich auf einen Aspekt dieser Debatte, den Ursula Huws bereits seit Jahrzehnten untersucht: Es geht um das Verhältnis von unpro- duktiver zu produktiver Arbeit bei Marx und ihrer Rolle im digitalen Kapitalis- mus. Dabei soll es insbesondere um Huws Ansatz gehen, die unproduktive Arbeit bei Marx als reproduktive Arbeit neu zu fassen und so einige aktuelle Entwicklun- gen in der Arbeitswelt auf den Begriff zu bringen und die Frage zu beantworten, welche Rolle der Haushalt in der Reproduktion spielt. Um Huws‘ theoretisch weitreichendes Unterfangen einer Erweiterung bzw. Revision der politischen Ökonomie entsprechend zu würdigen, wird im ersten Kapitel ihr Verständnis von sozialer Reproduktion im Haushalt genauer darge- stellt, wobei einige Stellen bei Marx ausgeleuchtet werden. Im zweiten Kapitel soll dann, nach einer kurzen Darstellung von produktiver und unproduktiver 1 Lesenswert zur Thematik des Aufsatzes auch ihr Buch »Labour in Contemporary Capitalism« (Huws 2019b), auf das hier nicht weiter eingegangen werden kann. Vgl. auch Ursula Huws, Widersprüche der digitalen Ökonomie. Informationskapitalismus und Kybertariat, in: Z 103 (September 2015), S. 15-28. 2 Die direkten Zitate aus englischen Publikationen sind vom Autor übersetzt