Gunther Martens III.4 Fiktionalität und Gattungen 1 Prämissen Ziel meines Beitrags ist es, den Fiktionalitätsbegriff vor dem Hintergrund der Debatten über Gattungshybridisierung und Gattungszuweisung zu erörtern. Dabei soll nicht das Auf und Ab der gattungstheoretischen Debatte an sich (vor dem Hintergrund der Repragmatisierung der Literaturwissenschaften) berück- sichtigt werden. Fokussiert wird vielmehr die Frage, welche Rolle Gattungen in der Diskussion über Fiktionalität, besonders in ihrer Abgrenzung zu Faktualität, im Rahmen der Narratologie gespielt haben. In Genettes Oeuvre gibt es zunächst ein merkwürdigerweise unverbundenes Nebeneinander von Fiktionstheorie (‚dis- cours du récit‘) und Gattungstheorie (‚paratexte‘). Genette setzt Narrativität weit- gehend mit Fiktionalität gleich. Genettes folgenreicher Panfiktionalismus des Erzählens ist typisch für die Autonomisierungstendenz der strukturalistischen Narratologie, hat aber bekanntlich großen Widerstand hervor- und mehr kontext- bezogene Modelle auf den Plan gerufen. Das Bindeglied hat Genette später mit einer sprechakttheoretischen Grundlegung der Fiktionalität zu schaffen versucht. Seitdem sind Gattungsspezifik und Pragmatik intensiver in die Debatte eingeführt worden. Gattungsproblematik ist seit mehreren Jahrzehnten zu einem zentralen Bestandteil der narratologischen Debatte über Fiktionalität geworden. Narratolo- gische Aussagen über die Fiktionalität bzw. Nicht-Fiktionalität von unterschied- lichen Gattungen haben eine lange Tradition. Im Folgenden werde ich nicht die Positionen chronologisch wiedergeben, sondern mich auf einen Versuch von Monika Fludernik beziehen, die Argumente systematisch als Zusammenspiel von Konstanten und Variablen zu beschreiben. Dieses Modell werde ich anschließend um neuere Ansätze erweitern. Insbesondere werde ich neuere Einsichten aus den Digital Humanities berücksichtigen, z. B. automatische Erkennung von Gattungen und Analyse von Redetypen. Der Gattungsbegriff selbst soll hier zunächst sehr summarisch definiert werden. Hempfer (2018, 179–180) listet vier dominante Bedeutungen von ‚Gattung‘ auf, die auf unterschiedliche methodologische Zugriffe verweisen, nämlich (1) Gattung als Sammelbegriffe im Alltagsgebrauch für die von Goethe entwickelte (und unterschwellig an der Biologie orientierte) Differenzierung zwischen Epik, Dramatik, Lyrik; (2) „transhistorische Invarianten wie das Narrative, das Dramati- sche, das Komische“, die als „prototypische Konstrukte“ gelten, „die Phänomene einer transphrastischen kommunikativen Kompetenz abbilden, deren kulturell gebundener oder transkultureller Charakter nur durch Kulturvergleich ermittelt https://doi.org/10.1515/9783110466577-009