Diabetologe 2012 · 8:18–25 DOI 10.1007/s11428-011-0776-y Online publiziert: 15. Januar 2012 © Springer-Verlag 2011 M.B. Schulze 1  · B. Kowall 2  · W. Rathmann 2 1   Abteilung Molekulare Epidemiologie, Deutsches Institut für  Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke, Nuthetal 2  Institut für Biometrie und Epidemiologie, Deutsches Diabetes-Zentrum (DDZ), Düsseldorf Biomarker und  Risikoprädiktion des  Typ-2-Diabetes Die Vermeidbarkeit des Typ-2-Diabe- tes durch Lebensstilmodifikationen oder medikamentöse Interventionen wurde eindrucksvoll in randomisier- ten Interventionsstudien gezeigt [22]. Interventionen auf der Ebene einzel- ner Individuen erscheinen dabei aus Kostensicht besonders sinnvoll, wenn sie auf Personen mit hohem Risiko be- schränkt werden. Hier besteht die Fra- ge, wie die Bestimmung von Biomar- kern zur Quantifizierung des individu- ellen Diabetesrisikos beitragen kann. Klassen von Biomarkern Biomarker sind charakteristische biolo- gische Merkmale, die objektiv gemessen werden können und zur Untersuchung normaler biologischer Prozesse, krank- hafter Prozesse oder pharmakologischer Reaktionen auf therapeutische Behand- lungen im Körper dienen können [2]. Die Definition umfasst dabei unterschied- lichste Marker: neben den in der Diabe- tesdiagnose und -therapie verwendeten Markern Plasmaglukose, Lipide oder In- sulin viele andere Metabolite und Pro- teine, aber auch Marker zur Charakteri- sierung des Genoms und Transkriptoms, Marker subklinischer Erkrankungen und metabolische Endprodukte (. Tab. 1). Methodische Aspekte bei der Untersuchung von Biomarkern für Vorhersagezwecke Bei der Entwicklung und Validierung von Biomarkern oder anderen Faktoren zur Bestimmung des Risikos, in den kom- menden Jahren an Diabetes zu erkran- ken, müssen Studienkollektive untersucht werden, in denen zunächst keine bekann- ten Diabetespatienten vorhanden sind und die prospektiv hinsichtlich des Auf- tretens von Diabetes mellitus nachverfolgt werden. Nur so stellen die Biomarkerspie- gel und andere Daten der Studienteilneh- mer zur Basisuntersuchung den Ist-Zu- stand vor der Entwicklung eines Diabe- tes dar. Dies ist Voraussetzung, um vali- de Aussagen über das zukünftige Erkran- kungsrisiko machen und somit Personen für eine Primärprävention identifizieren zu können. Obwohl eine ganze Reihe von Biomarkern in derartigen Studien als mit dem Risiko assoziiert beschrieben wur- den [19], bedeutet dies nicht, dass sie auch automatisch für eine Bestimmung des Er- krankungsrisikos wertvoll sind. Hier sind Analysen zur Vorhersagegüte notwendig. Die prognostische Güte von Risiko- scores oder Prädiktionsmodellen wird häufig mit Hilfe des c-Wertes abgeschätzt. Ein c-Wert von 0,5 bedeutet, dass ein Score oder Modell keine besseren Progno- sen liefert als ein Münzwurf; der höchste Wert, den der c-Wert theoretisch anneh- men kann, beträgt 1. Modelle mit einem c-Wert von 0,7 sind für eine erste Risiko- abschätzung brauchbar, ein Wert von 0,9 ist exzellent. Der c-Wert lässt sich auf zwei Weisen interpretieren: F  Zum einen als Fläche unter der sog. ROC-Kurve, bei der der Anteil der richtig Positiven („Sensitivität“) gegen den Anteil der falsch Positiven („1 – Spezifität“) aufgetragen wird. Wenn auf jeden richtig prognostizierten Fall eines inzidenten Diabetes genau ein falsch diagnostizierter Diabetes- fall kommt, fällt die ROC-Kurve mit der Diagonalen zusammen und der c-Wert liegt bei 0,5. F  Zum anderen lässt sich der c-Wert als Wahrscheinlichkeit dafür interpretie- ren, dass die vom Modell geschätzte Diabeteswahrscheinlichkeit für eine Person, die später tatsächlich einen Diabetes entwickelt, höher ist als für eine Person, die keinen Diabetes be- kommt. Glukose und HbA 1c zur Diabetesprädikation Seit Langem ist bekannt, dass sowohl Per- sonen mit einer gestörten Nüchterngluko- se (Nüchternglukose 100–125 mg/dl, 5,6– 6,9 mmol/l) als auch Personen mit einer gestörten Glukosetoleranz (oraler Gluko- setoleranztest/oGTT, 2-h-Glukose: 140– 199 mg/dl, 7,8–11,1 mmol/l) ein deutlich erhöhtes Risiko für den Typ-2-Diabetes aufweisen [27] – dies bedeutet auch: D  Mit der 2-h-Glukose können  Hochrisikopersonen identifiziert  werden, die mit der Nüchternglukose  allein nicht gefunden werden. Personen, die eine gestörte Nüchternglu- kose und zugleich eine gestörte Gluko- setoleranz aufweisen, haben darüber hi- naus ein deutlich höheres Diabetesrisiko als Personen, die nur eine der beiden Stö- rungen aufweisen: In einer Metaanalyse 18 | Der Diabetologe 1 · 2012 Leitthema