Abstract Ausgehend von zwei Fallstudien thematisiert der vorliegende Artikel kulturspezifische Metaphern der Alltagssprache. Vor- gestellt wird die brasilianische im Gegensatz zur deutschen Konzeptualisierung des Erfahrungsbereichs Liebe auf der Basis von Redebeispielen der jeweiligen Kulturteilnehmer, wobei gezeigt wird, dass dieser wie auch andere Erfahrungs- bereiche in Brasilien stärker mit sinnlichen Metaphern struk- turiert werden, während in Deutschland Metaphern der rationalen Lebenswelten – etwa der Wirtschaft oder der Tech- nologie – dominieren. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, welche Merkmale der deutschen bzw. der brasilia- nischen Sprach- und Kulturgeschichte die dargelegte Dyna- mik metaphorischen Sprechens im Alltag hervorbringen. This article is about culture-specific metaphors in our everyday speech, based on a comparative case study in which the Brazilian conceptualization of the domain of the experience of love is analyzed in contrast to the German one. Examples of everyday metaphors used by the partici- pants of the respective cultures are presented and discus- sed, emphasizing the frequent Brazilian use of sensual metaphors which are also responsible for the structuring of other lifeworlds, whereas in the German speech metaphors rooted in more rational lifeworlds like economy or techno- logy are dominant. Furthermore, this discussion examines the particular characteristics of the German and Brazilian speeches which are reflective of their respective cultural- historical developments and constitute in part the shown dynamic of the metaphorical conversation in everyday live. 1 Fragestellung und Zielsetzung Obwohl sich mittlerweile viele Studien zum Metaphernge- brauch den pragmatischen, kognitiven und kommunikativen Aspekten der Metapher zuwenden, sind kulturkontrastive Beiträge immer noch rar. Dies mag u. a. damit zusammen- hängen, dass das Textkorpus der meisten empirischen Unter- suchungen auf Material beruht, das von den Massenmedien bereitgestellt wird, und sich in dieser Domäne in der Tat zu- nehmend eine kulturübergreifende „Bildfeldgemeinschaft“ des Abendlandes (Weinrich 1958:287) abzeichnet, in der Differenzen ausgespart bleiben. So stoßen wir in Presse, Funk und Fernsehen, in Werbung und nicht zuletzt im Inter- net auf eine allmähliche Angleichung all jener Sprachbilder, die benutzt werden, um politische Sachverhalte, sportliche Ereignisse, wissenschaftliche Theorien oder beworbene Kon- sumgüter attraktiv, plausibel, verständlich und spannend zu gestalten. Für die meisten Menschen jedoch spielen be- sonders in alltagsrelevanten vis-à-vis-Situationen kulturspe- zifische Metaphern eine ebenso wichtige Rolle, sodass in den tagtäglich verwendeten Äußerungen der Teilnehmer einer bestimmten Kulturgemeinschaft ein Vorrat metaphorischer Konzepte zutage gefördert wird, der die Diversität meta- phorischen Sprechens in Abhängigkeit von der jeweiligen Kommunikationsgemeinschaft erhellt. Die vorliegende Untersuchung will den Akzent auf Unter- schiede legen, wobei als zu kontrastierende Kulturgemein- schaften die deutsche und die brasilianische ins Blickfeld rü- cken. Das Textkorpus entspringt zum einen Redebeispielen aus den Interviews und Zitaten aus den Fragebögen der im Jahre 2000/2001 durchgeführten Studie Brasilianische und deutsche Wirklichkeiten – eine vergleichende Fallstudie zu kommunikativ erzeugten Sinnwelten (Schröder 2003), zum anderen Interviewausschnitten der 1998 realisierten Studie Liebe als sprachliches Konstrukt. Eine kulturvergleichende Studie zwischen deutschen und brasilianischen Studenten (Schröder 2004). Nach einer kurzen Beschreibung des the- oretischen Rahmens, in den die kulturkontrastive Meta- phernanalyse eingebettet ist, werden aus jeder Gemein- schaft je zwei metaphorische Konzepte vorgestellt, die für die Strukturierung des Erfahrungsbereichs Liebe typisch sind, wobei darüber hinaus danach gefragt wird, welche Merkmale der jeweiligen Kulturgemeinschaft die illustrierte Dynamik metaphorischen Sprechens begünstigen. 2 Metaphorisches Sprechen als Alltags- phänomen einer Kulturgemeinschaft Ausgangspunkt für den der nachfolgenden Untersuchung zugrunde liegenden Metaphernbegriff bildet eine Deutung von Wirklichkeit als Konstrukt, das erst im Kontext kommu- nikativer Handlungen hervorgebracht wird. Dieser Prozess der Welterzeugung verläuft im Medium der Sprache, die vermittels der Kraft, das Hier und Jetzt zu transzendieren, Sinnzuweisungen fixiert, die ihrerseits wiederum den Aus- gangspunkt für die Schaffung neuer Bedeutungen bilden, was der Sprache gleichsam ihren selbstreferentiellen Cha- rakter verleiht. Damit dienen die einmal etablierten sprach- lichen Kategorien einer steten Erweiterung kognitiver Rah- men und deren metaphorischer Übertragung auf neu zu strukturierende Sinnbereiche, wobei das allmählich entste- hende Wirklichkeitskonstrukt durch seine Verwurzelung in den kommunikativen Handlungen der Kommunikationsteil- nehmer letztlich immer standortabhängig bleibt. Auf diesen kreativen und zugleich rekursiven Aspekt metaphorischen Sprechens bei der Erzeugung eines kulturell fixierten Welt- bildes hat bereits Edward Sapir hingewiesen: New cultural experiences frequently make it necessary to enlarge the resources of a language, but such enlargement is never an arbitrary addition to the materials and forms already present; it is merely a further application of principles already in use and in many cases little more than a metaphorical extension of old terms and meaning […] Lan- guage is at one and the same time helping and retarding us in our ex- ploration of experience, and the details of these processes of help and hindrance are deposited in the subtler meanings of different cultures. (1949:10f.) Durch die Orientierung am Sprachgebrauch im Alltag wird im Kontext der vorliegenden Untersuchung eine prozessuale Auffassung metaphorischen Sprechens notwendig, die an die interaktionistischen Ansätze von Richards (1936), Black (1962) und Weinrich (1976) anknüpft. Letzterer ersetzt die Dichotomie zwischen vehicle und tenor (Richards 1936:96) bzw. principal subject und subsidiary subject (Black 1962) durch die Unterscheidung zwischen bildspendendem und bildempfangendem Feld (1976:284), womit die Aufmerk- samkeit vom einzelnen Lexem zu umfassenderen Bedeu- 164 Lebende Sprachen Nr. 4/2007 AUFSÄTZE ! Ulrike Schröder, Belo Horizonte Liebesmetaphern in der deutschen und brasilianischen Alltagssprache Brought to you by | University of Arizona