Während weitgehend Konsens dahinge-
hend besteht, dass bei mittelschweren und
schweren Depressionen die Pharmako-
therapie und Psychotherapie zentrale Be-
handlungssäulen darstellen, ist der Stel-
lenwert dieser beiden Behandlungsansät-
ze bei Patienten mit leichten Depressio-
nen strittig. Einige Leitlinien drücken für
diese Patienten eine Präferenz für die Psy-
chotherapie aus. Bei den hier stattfinden-
den Entscheidungsprozessen werden je-
doch oft bedeutsame Faktoren nicht be-
rücksichtigt, die in ihrer Summe zu einer
deutlichen Unterschätzung der Wirksam-
keit der Antidepressiva und einer Über-
schätzung der Wirksamkeit der Psycho-
therapie führen. Folgende Argumente
stützen diese Sicht:
F Die Besserung der depressiven Sym-
ptomatik sollte unter der Behandlung
(Verumbedingung) größer als unter
der Kontrollbedingung (z. B. Place-
bo oder Psychotherapie-Kontrollbe-
dingung) sein. Dieser Unterschied
(Delta) sollte nicht nur statistisch ge-
sichert (statistische Signifikanz), son-
dern auch groß genug sein, um kli-
nisch bedeutsam zu sein (z. B. Delta
≥3 Punkte in der Hamilton-Depres-
sionsskala [HAMD-17]; klinische Sig-
nifikanz). Bestimmt wird dieses Delta
im Rahmen randomisierter, doppel-
blinder, placebokontrollierter Studien.
Zu bedenken ist nun, dass in diesen
Studien starke, unspezifische antide-
pressive Wirkfaktoren zum Tragen
kommen, die zusammen mit der al-
lein über den Zeitfaktor zu erwarten-
den Spontanbesserung zu hohen Pla-
cebo-Response-Raten von bis zu 50%
führen. Ein bedeutsamer unspezifi-
scher Wirkfaktor ist bei depressiven
Erkrankungen die Hoffnungsvermitt-
lung. Diese ist auch im Medikamen-
ten-Placeboarm wirksam, da die Pa-
tienten nicht wissen, ob sie ein Pla-
cebo oder ein aktives Antidepressi-
vum erhalten. Zudem führen die in-
zwischen sehr aufwendigen Studien
durch weitere Faktoren, wie z. B. Zu-
wendung, Aktivierung und Sugges-
tion, zu einer Besserung der depres-
siven Symptomatik auch im Place-
boarm. Letztere Faktoren sind zwar
auch im Verumarm wirksam, redu-
zieren jedoch insgesamt den Besse-
rungsspielraum durch das Verum und
damit das Delta. Während die Re-
sponseraten so im Placeboarm durch
das Design dieser Studien nach oben
getrieben werden, kommt es im Ver-
umarm zu einer Reduktion, da hier
die Hoffnungsvermittlung dadurch
beeinträchtigt ist, dass die Patienten
ja um das Risiko wissen, nur ein un-
wirksames Placebo zu bekommen.
Alle diese Faktoren reduzieren in irre-
führender und nicht auf den Versor-
gungsalltag übertragbarer Weise den
Behandlungsvorteil des Antidepres-
sivums gegenüber der Kontrollbedin-
gung [1].
F In Studien zur Psychotherapie der
Depression ergibt sich eine gegen-
läufige Lage. Die Patienten müssen
über die Studie genau informiert wer-
den und sind hinsichtlich ihrer Be-
handlungsbedingungen nicht ver-
blindet, sodass, wie im Versorgungs-
alltag, unspezifische, hoffnungsver-
mittelnde Effekte im Verumarm voll
zum Tragen kommen, dagegen ver-
ständlicherweise nicht im Kontroll-
arm. Für einen depressiv erkrank-
ten Patienten, der sich bereit erklärt,
in einer Studie mitzumachen, wird
die Erkenntnis, „nur in einer Kont-
rollbedingung“ zu sein, sogar Frus-
tration und zahlreiche andere nega-
tive Gefühle und Reaktionen auslö-
sen, sodass hier nicht mit einem Pla-
ceboeffekt (Placebo: „ich werde gefal-
len“), sondern eher einem Noceboef-
fekt zu rechnen ist. In einer eigenen
Studie wurde dies sehr deutlich [2].
Bei Patienten in der Psychotherapie-
kontrollgruppe, die hinsichtlich des
zeitlichen Rahmens und der Zuwen-
dung (Selbsthilfeaspekte, progressive
Muskelentspannung, Psychoeduka-
tion) mit der spezifischen Psychothe-
rapie (kognitive Verhaltenstherapie)
vergleichbar war, ergaben sich deutli-
che Hinweise auf Noceboeffekte: Der
Krankheitsverlauf war nicht nur sig-
nifikant schlechter als der unter der
spezifischen Psychotherapie, sondern
auch als der unter Medikamentenpla-
cebo. Es ist deshalb nicht verwunder-
lich, dass in Psychotherapiestudien
dann die Effektstärken besonders be-
eindruckend sind, wenn die Kontroll-
gruppe eine Wartegruppe ist [3], ein
für einen depressiv Erkrankten sehr
frustrierender, die Hoffnungslosigkeit
verstärkender Ausgang der Randomi-
sierung. Die fehlende Verblindung so-
wohl des Patienten als auch des The-
rapeuten und oft auch des Raters in
Psychotherapiestudien wird zu zahl-
reichen weiteren und großen Verzer-
rungen führen. Genannt sei hier nur
die Neigung der Patienten auf Fragen
des Raters mit der Tendenz zur sozia-
len Erwünschtheit zu reagieren oder
die größere Überzeugungskraft und
Nervenarzt 2013 · 84:388–389
DOI 10.1007/s00115-012-3729-9
Online publiziert: 20. Januar 2013
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
U. Hegerl
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Leipzig
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