ethikundgesellschaft 2/2014 Walter Reese-Schäfer Jan-Werner Müller: Das demokratische Zeitalter Jan-Werner Müllers ursprünglich in englischer Sprache verfasstes Buch spannt in sehr kluger und abgewogener Weise den Bogen von der Belle Époque der Sicherheit vor 1914 zur postsozialistischen Welt nach 1989. Der Band ist aus Vorlesungen vor englischsprachigen Studierenden hervorgegangen und deren Aufmerksamkeitsspanne von jeweils etwa 20 Minuten angepasst. Das Buch interessiert sich für solche Ideen und Intellektuellen, die in direkter Korrespondenz mit dem politischen Geschehen standen, also für die Grenzgänger zwi- schen Theorie und Praxis und für die folgenreichen Ideen. Selbst ein weberkritischer Ideenhistoriker wie Jan-Werner Müller kommt nicht umhin, an einigen von dessen „ausgesprochen einfluss- reichen Beobachtungen“ anzuknüpfen, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch ziehen, weil insbesondere Carl Schmitt und Friedrich August von Hayek diese später aufgegriffen und zugespitzt haben. Das gilt insbesondere für Webers Eindruck, dass die liberale Rechtsstaatlichkeit durch das wohlfahrtsstaatliche Streben nach ma- terieller Gerechtigkeit untergraben wird, weil die rechtsstaatliche Herr- schaft allgemeiner Gesetze und die Maßnahmeversorgung einzelner Gruppen mit Gütern unter angeblichen Gerechtigkeitsgesichtspunkten durcheinandergeworfen werden. Die Zeit bis 1933 fasst Jan-Werner Müller unter dem Oberbegriff der Experimente mit verschiedenen politischen Formen, zu denen der Pluralismus, die Politpädagogik skandinavischen Zuschnitts, aber auch Gramscis Hegemonielehre gehörten (104-111). Das wichtigste Modell aber war der stalinistische Totalitarismus, dessen Entstehung nicht zuletzt auch von scheinbar relativ unabhängigen Intellektuellen wie Georg Lukács und Ernst Bloch flankiert wurde. Hier unterläuft Müller, das sei nebenbei bemerkt, ein ziemlich fehlerhaftes Hannah- Arendt-Zitat aus zweiter Hand (136). Sehr gerafft ist die ideenge- schichtliche Darstellung der fa- schistischen Epoche, die Müller mit Georges Sorel beginnen lässt (159-171). Damit wird eine Perspektive gewählt, die vor allem die italienische Entwick- lung überzeugend erklärt und Müller, Jan-Werner (2013): Das demokratische Zeitalter. Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Michael Adrian, Berlin: Suhrkamp. 510 S., ISBN 978-3-518- 58585-6, EUR 39,95.