42 MMW-Fortschr. Med. Nr. 43 / 2011 (153. Jg.) _ Musizieren auf professionellem Ni- veau ist eine der anspruchsvollsten menschlichen Tätigkeiten. Die Schwie- rigkeiten bestehen vor allem darin, dass die ungeheuer komplexen und zeitlich- räumlich überaus präzisen Bewegungen in Echtzeit einer äußerst kritischen Kon- trolle durch das Gehör des Publikums und des Spielers unterzogen werden. Darüber hinaus sind die Bewegungen Übung macht den Meister – das gilt auch für Musiker und ganz besonders für diejenigen, die davon leben wollen. Doch das intensive Musizieren kann seinen Preis haben, wenn fokale Dystonien oder andere Bewegungsstörungen das Weiterspielen unmöglich machen. Dystonien und andere Bewegungsstörungen Warum die Hände nicht mehr mitspielen beim Musizieren eng an die Affekte ge- bunden: Musik gilt einerseits als „Spra- che des Gefühls“ und soll Emotionen ausdrücken, andererseits bewegt sich ein professioneller Musiker in einem unerbittlichen gesellschaftlichen Beloh- nungs- und Bestrafungssystem, zumin- dest wenn er notierte „ernste Musik“ in- terpretiert, bei der es „richtige“ und „falsche“ Noten gibt. Der hohe Verhal- FORTBILDUNG SCHWERPUNKT Prof. Dr. med. Eckart Altenmüller Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover Koautoren: Dr. med. André Lee, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover Prof. Dr. med. Dipl. mus. Hans-Christian Jabusch, Hochschule für Musik Dresden tensdruck und die starke intrinsische Motivation treiben Musiker zu Höchst- leistungen an. Offensichtlich hat das in- tensive Üben am Instrument seinen Preis, denn mit Aufkommen des roman- tischen Virtuosentums im 19. Jahrhun- dert, als Ausnahmeerscheinungen wie Paganini und Liszt mit ihrer Kunst die Grenzen der menschlichen Leistungsfä- higkeit überschreiten wollten, berichte- ten erstmals Musiker über Koordina- tionsstörungen und den Verlust der feinmotorischen Kontrolle. Heutzutage treten Bewegungsstö- rungen bei Musikern häufiger auf. In Ta- belle 1 sind die verschiedenen Bewe- gungsstörungen, ihre relative Häufigkeit in unserer Sprechstunde, wichtige dia- © Spahn C, Richter B, Altenmüller E. MusikerMedizin. Stuttgart: Schattauer 2010 Abb. 1 Fokale Handdystonie bei einem Pianisten (a), einer Geigerin (b) und einem Flötisten (c). Charakteristisch ist das unwillkürliche Einrollen oder Abspreizen einzelner Finger während des Spiels. Bei dem Flötisten streckt sich der Kleinfinger in einer kompensato- rischen Bewegung unwillkürlich, um so eine Elevation von Ring- und Mittelfinger zu erleichtern. Bei der Ansatzdystonie ist die Ver- krampfung der perioralen Muskulatur gut zu erkennen (d). a c b d