Julian Strube
III.1 Die globale Entstehung der
Religionswissenschaft: Das Beispiel
Bengalens zwischen Universalismus
und Nationalismus
1 Für eine dezentrierte Geschichtsschreibung
der Religionswissenschaft
Im Mittelpunkt der folgenden Untersuchung steht die Beziehung zwischen dem in
Oxford wirkenden deutschstämmigen Philologen Friedrich Max Müller (1823–
1900) und dem prominenten indischen Gelehrten Rajnarayan Basu (1826–1899),
die uns Einblicke in die global verflochtene Entstehungsgeschichte der Religions-
wissenschaft erlaubt. Beide Autoren proklamierten eine science of religion in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Vergleich von verschiedenen Religio-
nen, oft comparative religion genannt, einen ersten Höhepunkt erreicht hatte.
Die Konzeptionen dieser von der heutigen Religionswissenschaft noch sehr ver-
schiedenen sciences of religion waren voneinander abhängig und doch von einem
bemerkenswerten Konkurrenzverhältnis geprägt, das gängige Vorstellungen von
einer rein „westlichen“ Entstehungsgeschichte der Religionswissenschaft verkom-
pliziert und die Notwendigkeit einer nicht nur auf Europa beschränkten, dezen-
trierten Geschichtsschreibung verdeutlicht (Winter; Beinhauer-Köhler; Her-
mann in diesem Band).
Mein Hauptargument bezieht sich dabei auf bis heute andauernde Debatten
darüber, ob der Religionsbegriff ein westlich-christliches Konstrukt sei, das an-
deren Kulturen durch koloniale Gewalt aufgezwungen worden sei und dessen An-
wendung heute einen Akt epistemischer Gewalt und terminologischen Imperia-
lismus darstelle (dazu ausführlich Maltese und Strube 2021, Winter, Dreßler,
Goshadze in diesem Band). Dies gilt nicht zuletzt für die Frage des Religionsver-
gleichs, also der Religionskomparatistik (Strube 2024; Bergunder in diesem
Band). Ich argumentiere aus der Perspektive einer globalen Religionsgeschichte,
dass der koloniale Kontext für die Religionswissenschaft maßgeblich war und uns
bis heute vor große Herausforderungen stellt; dass es aber irreführend wäre, die
Handlungsmacht (agency) der Kolonisierten selbst unter den Bedingungen des
Kolonialismus zu vernachlässigen (vgl. Strube 2022). Wie viele andere auch, re-
produzierte Rajnarayan nicht einfach „westliches“ Wissen, sondern nahm aktiv
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https://doi.org/10.1515/9783111458892-020