18 Schwerpunkt | Esoterik in der Erwachsenenbildung? 5 | 2024 • S. 18-20 2020 schienen esoterische Symbole und Ideen, etwa in Form von „Verschwörungstheorien“ (Asprem/ Dyrendal 2019), eine bedeutende Rolle zu spielen. In den Fokus genommen wurden dabei nicht zuletzt die Reichsbürger, insbesondere im Zusammenhang mit den im Dezember 2022 aufgedeckten Putschplänen um Heinrich Prinz Reuß. Weiterhin wurden völkisch inspirierte Siedlungsbewegungen wie Anastasia rege diskutiert, aber auch die im deutschsprachigen Raum in Form von Waldorfschulen, Gesundheits- einrichtungen und Landwirtschaſt weit verbreitete Anthroposophie. Es wirſt Probleme auf, solch disparate Gegen- stände unter dem schillernden Begriff Esoterik zu versammeln. So lässt sich die Anthroposophie nicht pauschalisierend politisch kategorisieren. Studien haben gezeigt, dass selbst die Querdenker-Bewegung politisch nicht nur heterogen und fluide war, sondern sich auch regional bedeutend unterschied (Nacht- wey et al. 2020; Frei/Nachtwey 2021). Es ist daher wichtig, konkrete Fallbeispiele zu kontextualisieren und sich dem Thema Esoterik differenziert zu nähern (Martins/Kranemann 2024). Ambivalente und vielgestaltige Tradition Historisch lassen sich viele der während der Corona- Pandemie hervorgehobenen Merkmale des Bereichs Esoterik auf die Jahrzehnte um 1900 zurückführen (vgl. Pöhlmann 2021; Speit 2022; Strube 2024). Dazu Nicht nur in der Querdenker-Bewegung, sondern auch bei der versuchten Erstürmung des Reichstags im August Autor | Prof. Dr. Julian Strube, Lehrstuhlinhaber Reli- gionswissenschaſt und Interkulturelle Theologie, Georg-August-Universität Göttingen Julian.Strube@ theologie.uni-goettingen.de Esoterik und Rechtsextremismus Rechtsextreme Symbolik erkennen und verstehen Die Frage nach dem Verhältnis von Esoterik und Rechtsextremismus erregte während der Corona-Pandemie große mediale Aufmerksamkeit. Vielerorts gab es Verwunderung über das gemeinsame Auſtreten von Personen, die dem (links-)alternativen Spektrum zugeordnet wurden, und eindeutig Rechtsextremen. Esoterik wurde rasch als ein wichtiges Bindeglied identifiziert. zählen das Streben nach „Ganzheitlichkeit“ in Ge- sundheit, Medizin und Lebensführung, wie sie etwa in der Lebensreform-Bewegung einer materialistischen „Schulmedizin“ gegenübergestellt wurde (Bigalke 2016). Die Lebensreform war bereits politisch höchst ambivalent und vielgestaltig. Sie zeichnete sich durch einen Antimodernismus aus, in dem sich der Wunsch nach der Rückkehr zu einem romantisierten Natur- zustand äußerte. Derart artikulierte ökologische Gedanken waren leicht an die völkische Bewegung anschlussfähig, die wiederum den Nährboden für den Nationalsozialismus bildete. Insofern überrascht es nicht, dass etwa die Anthroposophie im „Dritten Reich“ wie im faschistischen Italien durchaus präsent war, aber eine ambivalente und vielgestaltige Rolle spielte (Staudenmaier 2014). Bereiche wie Okkultismus, Theosophie oder An- throposophie waren um 1900 in unterschiedlichste politische Kontexte eingebunden, viele davon links. Esoterik zeichnet sich häufig durch einen Anspruch auf höheres, einer eingeweihten Elite vorbehalte- nes Wissen aus, sowie durch die Berufung auf eine mitunter sehr unterschiedlich konzeptualisierte „Tradition“. Im völkischen Sinne wurde dies etwa in der so genannten Ariosophie rezipiert, die sich durch einen radikalen Rassismus, Antisemitismus und Misogynie auszeichnete. Die dortige Berufung auf eine „arische Urweisheit“ spielt auch im so ge- nannten Traditionalismus eine zentrale Rolle. Dabei handelt es sich um eine im frühen 20. Jahrhundert entstandene heterogene Strömung, die sich aber- mals durch einen extremen Antimodernismus aus-