RaumPlanung 132/133 161 Agnieszka Ciesla, Florian Koch Transformationsprozess und heterogene Raumentwicklung in Polen Entwicklungsperspektiven am Beispiel des Oberschlesischen Industriegebiets und Warschaus Die dramatischen und vielfältigen Auswirkungen politischer Transformationsprozesse auf die Raumentwicklung sind in den Regi- onen aller Staaten Mittel- und Osteuropas deutlich ablesbar, die nach 1989 einen Systemwechsel vollzogen haben. Am Beispiel der polnischen Regionen Centralny Śląski („Zentral-Schlesien“; im Wesentlichen das Oberschlesische Industrierevier) und Warszawa (Warschau) lassen sich die extremen Unterschiede aufzeigen, die dieser Umbruch für die demograische Entwicklung und den regionalen Wohnungsmarkt in den Jahren von 1995 bis 2005 bedeutet hat. Hieraus ergeben sich speziische Herausforderungen für die räumliche Planung in beiden Regionen. W ie auch andere Staaten im ehemaligen „Ostblock“ durchläuft die Republik Polen seit ihrer Konstituie- rung im Jahr 1989 einen umfassenden Transformationspro- zess, bei dem Strukturen und Denkweisen der sozialistischen Planwirtschaft durch solche der kapitalistischen Marktwirt- schaft abgelöst werden. Die Demokratisierung des gesamten politischen und gesellschaftlichen Lebens zeigt sich auch in der Rückkehr zu den Prinzipien kommunaler Selbstver- waltung und in einer Angleichung des staatlichen Verwal- tungssystems an die Standards der Europäischen Union. Eine in den „alten“ Demokratien Westeuropas vertraute Selbstverständlichkeit – die Unterschiedlichkeit der regio- nalen Entwicklung innerhalb eines Landes, in der Regel auch mit „Gewinnern“ und „Verlierern“ – ist in einem Land wie Polen, dessen neue Regularien und Planungsinstrumente noch nicht völlig etabliert sind, schwerer durch eine wirksa- me Regionalförderung und -planung zu steuern. Sowohl im Bereich der Stadtentwicklung als auch der Raumordnungs- politik stecken manche Gesetze und Programme noch in der Bewährungsphase ihrer Tauglichkeit im Umgang mit höchst unterschiedlich verlaufenden Entwicklungsprozessen. Die Region Centralny Śląsk – in der das oberschlesische Industriegebiet um Kattowitz (Katowice) und Gleiwitz (Gli- wice) liegt, steht im Folgenden für das eine Extrem: eine alt- industriell geprägte und ökologisch belastete Region, die demograisch gesehen stagniert. Zu beachten ist allerdings, dass die Region nach den Krisen der Schwerindustrie zu Beginn der 1990er Jahren in jüngster Zeit ein Wirtschafts- wachstum zu verzeichnen hat. Der Großraum Warschau (Warszawa) wiederum ist Po- lens Boom-Region Nummer 1, muss aber aufgrund des gro- ßen Zuwanderungs- und Suburbanisierungsdrucks ganz andere Probleme mit denselben Planungsinstrumenten, regionalen und kommunalen Entscheidungsstrukturen zu lösen versuchen. Die Entwicklung beider Regionen und die verschiedenartigen Herausforderungen an die räumliche Pla- nung sind Gegenstand dieses Beitrags. Umbrüche der Stadtentwicklung nach 1989 Als Folge des politischen und ökonomischen Umbruchs ver- änderten sich Bedingungen und Ziele der Stadtentwicklung in Polen in hohem Maße. Die insbesondere am Ausbau der Schwerindustrie orientierte Planwirtschaft in der Volksre- publik Polen (wie in allen sozialistischen Staaten jener Zeit) hatte bis 1989 dazu geführt, dass die städtische Bevölkerung infolge immer neuer Industrieansiedlungen stetig gewach- sen war. Während dieser als „quantitativ“ zu charakteri- sierenden Phase der Stadtentwicklung (Parysek 2005: 57) blieben die Wohnungsbau- und Infrastruktur-Investitionen jedoch auf niedrigem Niveau und führten zu einer wachsen- den Unterversorgung der Bevölkerung. Nach 1989 wandelte sich die „quantitative“ zu einer „qualitativen“ Stadtent- wicklung (ebd.: 58). Mit der Verschlechterung der Arbeits- bedingungen, vor allem mit dem Strukturwandel stieg die Arbeitslosigkeit im produzierenden Sektor (nicht nur in Oberschlesien), sank die Geburtenrate dramatisch und wanderten immer mehr Bürger/innen aus den alten Indus- triestädten ab. Der tertiäre Sektor gewann an Bedeutung, was dazu führte, dass neue Einkaufs- und Bürogebäude das Stadtbild polnischer Städte veränderten – ein Prozess, der vor allem in der Hauptstadt Warschau zu verfolgen ist. Mit dem Übergang zu einem qualitativen Wachstum der Städte wurden viele Altbauquartiere revitalisiert und in- frastrukturelle Mängel beseitigt. Diese Entwicklung wurde durch die Einführung der kommunalen Selbstverwaltung und eines besseren Stadtmanagements gefördert. Gleich- zeitig führte das Fehlen einer zentralen Steuerung zu re- gional sehr ungleichen Entwicklungsprozessen. Unter den Transformationsbedingungen nach 1989 bestimmten je- doch nicht nur lokale Faktoren, sondern auch Prozesse auf übergeordneten Ebenen die Entwicklung der polnischen Städte. Parysek (2005: 14) unterscheidet zwischen exogenen und endogenen Faktoren. Zur ersten Gruppe zählen De-In- dustrialisierung, Globalisierung und der EU-Integrations-