' reviewed paper CORP 2005 & Geomultimedia05 Feb. 22-25 2005 www.corp.at Proceedings / Tagungsband; Ed. / Hg.: Manfred SCHRENK ISBN: 3-901673-12-1 (Hardcopy-Edition) ISBN: 3-901673-13-X (CD-Edition) 497 Monitoring-System „Recreational Use“ Das Beispiel Nationalpark Berchtesgaden Sabine HENNIG Institut für Geographie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Kochstr. 4/4, D-91054 Erlangen, shennig@geographie.uni-erlangen.de ABSTRACT Naturschutz und Erholungsnutzung („Recreational Use“) sind moderne Formen der Landnutzung. In Großschutzgebieten spielen beide eine wesentliche Rolle. Obwohl besonders in europäischen Nationalparken das Spannungsfeld „Schutz versus Erholung” weitgehend von mangelnden oder von geschätzten Daten und Informationen geprägt ist, werden die Zielsetzungen Naturschutz und Erholungsnutzung oft als unvereinbar dargestellt. Maßnahmen im Schutzgebietsmanagement benötigen aber aktuelle Situationsbeschreibungen einschließlich konkreter Zahlen und Angaben zu Ist-Zustand und Veränderungen der Erholungsnutzung. Diese können durch ein entsprechendes Monitoring des „Recreational Use“ bereitgestellt werden. Ein solches Monitoring muss über die wiederholte, systematische und objektive Messung und Beobachtung ausgewählter Parameter der räumlichen und zeitlichen Nutzungsmuster von Besuchern (Anzahl der Erholungssuchenden und ausgeübte Aktivitäten) hinausgehen. Die erhobenen Daten müssen EDV-technisch verwaltet, analysiert und präsentiert werden. In mitteleuropäischen Großschutzgebieten bestehen derzeit jedoch nicht nur bei der Erfassung von Daten zur Erholungs- und Freizeitnutzung Defizite, sondern auch bei den computergestützten Komponenten eines Monitoring-Systems „Recreational Use“. Momentan wird für den Nationalpark Berchtesgaden ein solches System zum Monitoring landschaftsgebundener Freizeit- und Erholungsnutzung konzipiert. Grundlage hierfür ist die (konzeptionelle) Modellierung des Bewertungsobjektes „Recreational Use“. In einem weiteren Schritt erfolgt die Integration und Harmonisierung von Daten und Information aus verschiedenen Quellen (NPV, Tourismus, ÖPNV, DAV usw.) sowie deren GIS- und Datenbank-gestützte Modellierung (Geometrie-, Sachdaten und Metadaten), die Zeit- und Raummuster der Nutzungen abbilden. Dabei bietet die Realisierung mittels „Personal Geodatabase“ in dem GI-System ArcGIS von ESRI die Möglichkeit komplexe Netzwerk-Topologien und Routensysteme sowie die bestehenden Beziehungen zwischen den einzelnen Features (Besucherzahlen, Naturausstattung, Infrastruktur zur Erholungsnutzung: Wege, Hütten usw.) adäquat darzustellen. Dies verschafft den Vorteil einer angemessenen digitalen Umsetzung des objektorientierten Charakters des abstrakten Gegenstandes „landschaftsgebundene Freizeit- und Erholungsnutzung“ - also des “Recreational Use“ - und bietet langfristig eine wichtige Entscheidungsgrundlage im Management von Schutzgebieten. 1 KONFLIKTFELD MODERNER NUTZUNGSFORMEN IN NATIONALPARKEN Naturschutz und Erholungsnutzung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen - d.h. Tourismus, Bildungs- und Freizeitnutzung sowie, Natur- und Outdoorsportarten usw. - sind moderne Landnutzungen (BACKHAUS & KOLLMAIR 2001; JOB, METZLER & VOGT 2003). Im Englischen wird die Nutzungskategorie “Freizeit und Erholung” zusammenfassend als „Recreational Use“ bezeichnet. Hinsichtlich beider Nutzungsformen nehmen Gebiete mit Funktion des Natur- und Landschaftsschutzes eine besondere Rolle ein: Aufgrund landschaftlicher Schönheit sowie ökologischer Bedeutung sind sie nicht nur mit einem entsprechenden Schutzstatus ausgestattet, sondern sind auch – speziell in Anbetracht wachsender Beliebtheit von Natur- und Schutzgebietstourismus sowie Natursportarten – für den Menschen besonders attraktiv (MOSE 1998). Vor allem Großschutzgebiete wie Nationalparke dienen nach internationalen (IUCN-Richtlinen) und nationalen (z.B. BNatSchG §14 in Deutschland) Vorgaben zum einen der Aufgabe Natur zu schützen, zum anderen sind Erholung und Tourismus vorrangige Managementziele: Für geistig-seelische, erzieherische und kulturelle Zwecke ist der Allgemeinheit der Zugang zu ermöglichen. In deutschen Schutzgebieten nimmt „Recreational Use“ unter den Belastungsfaktoren seit geraumer Zeit den ersten Platz ein. In Nationalparken wird die Belastungsintensität als gravierend bis bedrohend bewertet (DEUTSCHER BUNDESTAG 2002; GONZALES 2004). Die Konflikte zwischen den Nationalpark-Zielsetzungen Naturschutz und Erholungsnutzung werden als unvereinbar bezeichnet (NELSON 2004). Naturschutz und Nationalparke stehen damit heute – und weltweit - vor einem weitgehend ungelösten Problem: Einerseits ist der Kontakt des Menschen mit der Natur erwünscht (Naturverständnis fördern, mit Naturschutz-Zielen identifizieren), anderseits werden die Belastungen als nicht mehr tolerierbar bezeichnet. Für das Schutzgebietsmanagement ergeben sich damit besondere Herausforderungen (MOSE 1998; NELSON 2004). Derzeit ist das Konfliktfeld „Naturschutz – Erholungsnutzung“ allerdings durchgängig von mangelnden Daten und Informationen geprägt, die – wenn vorhanden - meist nur auf Schätzungen, Vermutungen und Pauschalisierungen basieren (KEIREL 2002). In Schutzgebieten wird landschaftsgebundene Freizeit- und Erholungsnutzung (Quantität, Qualität, Art, räumlich-zeitliche Ausprägungen usw.) größtenteils ungenügend erfasst (WATSON et al. 2000). Dennoch werden diese Nutzungen mit zahlreichen negativen Einflüssen auf die Natur und mit ökologischen Belastungserscheinungen (Störung, Schädigung, Schwächung, Verarmung, Verlust und Belastung für Flora und Fauna usw.) verbunden (vgl. MOSE 1998; KLEINHANS 2001a; KLEINHANS 2001b). Den unterschiedlichen Nutzungsformen (Wandern, Bergsteigen, Klettern, Moutainbiken, Skiwandern, Raften usw.) müssen jedoch verschiedene Belastungsarten und –intensitäten zugewiesen werden (vgl. BFN 1997, SEEWALD, KRONBICHLER & GRÖßING 1998). Dabei ist allerdings, wie KRONBICHLER (2001) herausstellt, eine klare Unterscheidung zwischen Natursport, Freizeit und Erholung in der Regel schwierig (vgl. Abb. 1): Entsprechend dem individuellen Blickwinkel wird z.B. unter Natursport Verschiedenes - vom Ruhesuchen bis zum Hochleistungssport – subsummiert. Pauschal heißt es, dass die steigende Zahl an Ausübenden von (Trend- )Sportarten und die zunehmende Differenzierung und Individualisierung bei Outdoor– und Natursportarten (Schneeschuhwandern, Rafting, Mountainbiking etc.) dazu führt, dass Naturräume, die bisher keiner oder nur einer geringen Freizeitnutzung unterlagen, heute intensiv genutzt werden. Angaben zu Quantität und Qualität nutzungsbedingter Veränderungen liegen bisher aber nur in wenigen Fällen vor. Dennoch wird der Druck auf die Landschaft durch Freizeit- und Erholungsnutzungen als zunehmend und beinahe flächendeckend beschrieben (HAMELE et al. 1998).