Im Zeich(n)en der Prozesse: Mediengeschichtliche Überlegungen zur Rechtsvisualisierung im E-Government Peter Koval, Reinhard Riedl Kompetenzzentrum Public Management und E-Government, Berner Fachhochschule Schlagworte: Rechtsvisualisierung, Prozessvisualisierung, Mediengeschichte, Zeichnen, Schaubilder, juristische Zeichnungen, Metapher Abstract: Die meisten Untersuchungen zur Rechtsvisualisierung folgen dem Weg der Verbildlichung. Der vorliegende Aufsatz hinterfragt diesen Weg und versucht einen anderen einzuschlagen, in dem hier die Frage nach der Visualisierung medienwissenschaftlich gestellt wird. Es werden drei Orte der Visualisierungsgeschichte gestreift, die sich für unser Verständnis sowohl von Prozeß-, als auch von Rechtsvisualisierung als folgenreich erweisen: Fritz Nordsiecks Schaubilder, Philipp Hecks juristische Zeichnungen und das berühmte Frontispitz zu Thomas Hobbes’ Leviathan. Dabei rückt vor allem die (epistemologische) Prozesshaftigkeit der Visualisierung in den Vordergrund. Insbesondere bei der Materialisierung von abstrakten Beziehungen, wie wir sie auch aus der Prozessoptimierung kennen, erweist sie sich als ein wichtiger Faktor. 1. Rechtsvisualisierung im E-Government: zwischen Gesetz und Prozeß E-Government, verstanden als Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien bei der Verwaltungsmodernisierung, hat ein eminentes Interesse an der Rechtsvisualisierung. Einerseits bewegen sich alle E-Government-Maßnahmen naturgemäß der gesetzlichen Vorgaben entlang und andererseits ist die Visualisierung ein mächtiges „Werkzeug“ bei der technologisch gestützten Organisationsoptimierung. Die für die Verwaltungsinformatik (als Teil der Wirtschaftsinformatik) tragende Idee der Integration folgt dabei dem vorherrschenden Denken in Geschäftsprozessen. Gerade sie legt uns die Einbeziehung von visualisierten Gesetzestexten in die Zeichnungen von behördlichen Prozesslandkarten nahe. 1 Während jedoch, oder noch besser: Solange ein direkter, wie auch immer automatisierbarer Weg durch die historisch komplex gewachsene Kulturtechnik der Interpretation verstellt zu sein scheint, bietet sich immerhin die Möglichkeit an, die Frage nach der Rechtsvisualisierung von der Mitte aus zu stellen, d.h. von dem Medium aus. Nicht die Semantik dessen, was visualisiert werden soll, auch nicht die der Visualisierungen, sondern die Kulturtechnik der konkreten Darstellungsart (samt ihren Strukturierungsfolgen) rückt damit in den Vordergrund. 2 Im Folgenden gehen wir punktuell auf ihre Mediengeschichte ein. Vorher seien aber noch einige grundlegende Überlegungen zur Visualisierung angestellt. 1 Und zwar über den Umweg der vom Gesetzestext abgeleiteten Anforderungen. (In etwa: Gesetz → öffentliche Aufgaben und Leistungen → Lebenslage/Geschäftssituation → Prozess → Funktion.) Vgl. Maria Wimmer, Roland Traunmüller: One-Stop Government Portale: Erfahrungen aus dem EU Projekt eGOV. In: Sayeed Klewitz-Hommelsen, Hinrich Bonin: Die Zeit nach dem E-Government, Münster, Hamburg, Berlin 2005. S. 131-154. 2 Damit unterscheidet sich der vorliegende Beitrag in seiner Methodik grundsätzlich von einem inhaltistischen Ansatz, wie ihn beispielsweise Thomas Langer vertritt. Vgl. Thomas Langer, Die Verbildlichung der juristischen Ausbildungsliteratur, Berlin 2004. Daher folgen wir hier auch keiner formal-inhaltlichen Taxonomie.