108 109 Niku Dorostkar Mehrdeutige Mehrsprachigkeit Der österreichische Diskurs über Sprache im sprachenpolitischen Kontext Im Folgenden werden die aktuellen österreichischen Debatten um Sprache und Mehrsprachigkeit aus kritisch-diskursanalytischer Perspektive anhand dreier Aspekte behandelt: Sprache als Meta- sprache, Sprache als „Sprachigkeit“ und Sprache als Surrogat. Sprache als Metasprache Sprache stellt nicht nur ein Kommunikationsmittel dar, sondern ist manchmal auch Thema eines Gesprächs oder Textes und wird somit zum Gegenstand der Kommunikation selbst. Wir können also nicht nur mit Sprache sprechen, sondern auch über Sprache (vgl. Coupland & Jaworski 2004: 17). Terminologisch wird hier- bei zwischen Meta- und Objektsprache unterschieden: Metaspra- che ist die Sprache, mit der über die Objektsprache gesprochen, mit der sie beschrieben wird. Sprache ist in einem zunehmenden Maß auch Gegenstand mehrerer, derzeit besonders aktueller öffentlicher Debatten. Die sogenannte „Sprachenfrage“ dreht sich heute allerdings weniger als noch im ausgehenden 20. Jahrhundert um Themen wie Ju- gendsprache, Rechtschreibreform und Anglizismen, als diese Phänomene des Sprachwandels kulturpessimistisch als „Sprach- verfall“ gedeutet wurden (vgl. Spitzmüller 2005: 109 ff.). Viel- mehr scheinen derzeit bestimmte Formen von Sprachfähigkeit und Sprachverbreitung im Mittelpunkt aktueller Sprachdebat- ten zu stehen, die sich vor allem seit der Jahrtausendwende in- tensivieren. Dies kann man unter anderem an den zahlreichen sprachbezogenen Slogans diverser österreichischer Parlaments- parteien nachverfolgen: Deutsch statt „Nix versteh’n“, Kärnten wird einsprachig!, Ohne Deutschkurs keine Zuwanderung oder aber Chancen nutzen – Mehrsprachigkeit fördern sind nur einige Beispie- le für Sprache nicht nur als Mittel, sondern auch als Sujet jüngs- ter Wahlkampagnen. Die Diskussionen rund um Sprache bleiben aber keineswegs auf Wahlkampfslogans beschränkt, sondern werden auch in den Printmedien gerne aufgegriffen, wie bei- spielsweise die folgenden Schlagzeilen aus diversen österreichi- schen Tageszeitungen zeigen: Türkisch-Kenntnisse als Nachteil, Im- mer mehr Kinder haben Sprachdefizit, Programm gegen Spracharmut, „Deutsch vor Zuzug stört nur Fundamentalisten“ oder Deutsch- pflicht im Gemeindebau . Sprache als Sprachigkeit Was ist das Gemeinsame und Charakteristische an diesen aktuel- len sprachbezogenen Debatten, sodass man von einem „neuen“ Diskurs über Sprache sprechen kann? Charakteristisch für die „alten“ Kontroversen rund um Sprache waren vor allem kultur- pessimistische Deutungsmuster, die allerdings zum Teil bereits mit Angst vor „Überfremdung“ verbunden waren: So wurde etwa die „Überutung“ der deutschen Sprache durch Fremd- wörter aus dem Englischen beklagt (Spitzmüller 2005: 246 ff). Wie die oben angeführten Beispiele illustrieren, weist die „neue“ Sprachendebatte hingegen (noch) stärkere Verknüpfungen mit der Zuwanderungsdebatte auf und scheint in größerem Ausmaß auf rassistische und diskriminierende Deutungsmuster zurück- zugreifen. Diese Deutungsmuster basieren größtenteils auf ei- nem sprachideologischen Kern, der etwa dazu dient, Ungleich- behandlungen von sprachlich festgelegten Personengruppen zu rechtfertigen oder zu begünstigen. Auffallend ist zudem ein Wechsel im Fokus der metasprachlichen Diskurse: Die „alten“ Kontroversen des ausgehenden 20. Jahrhunderts hatten sich vor allem noch auf jene Aspekte und Maßnahmen konzentriert, die den Gebrauch und das innere System von einzelnen Sprachen be- treffen. In den derzeit aktuellen Sprachdebatten stehen hingegen vor allem Fragen im Mittelpunkt, die die Funktionen und Bezie- hungen zwischen mehreren Sprachen betreffen (vgl. Dorostkar & Flubacher 2010). Die nächste Frage, die sich stellt, ist die nach dem übergeord- neten Thema des „neuen“ Diskurses über Sprache. Als Haupt-