CDA 2.0 – Leserkommentarforen aus kritisch-diskursanalytischer Perspektive Eine explorative Studie am Beispiel der Online-Zeitung derStandard.at Niku Dorostkar, Alexander Preisinger Wiener Linguistische Gazette Institut für Sprachwissenschaft Universität Wien 76 (2012): 1-47 Universität Wien, Institut für Sprachwissenschaft Projekt „migration.macht.schule“, gefördert vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung im Rahmen des Programms „Sparkling Science“ (Laufzeit: 2010-2012, Leitung: Rudolf de Cillia) 1. Einleitung Online-Diskurse sind im Verhältnis zu ihrer zunehmenden gesellschaftlichen Verbreitung und Relevanz bislang vergleichsweise selten aus kritisch-diskursanalytischer Perspektive untersucht worden, vor allem was einzelne Kommunikationsformen wie Leserkommentarforen oder Blogs betrifft. Internet-vermittelte Kommunikationsformen wie diese sind allerdings gerade aufgrund ihrer Schnittstellenfunktion zwischen öffentlichem und privatem Sprachhandeln als Gegenstand der kritischen Diskursanalyse (CDA) interessant – insbesondere dort, wo es um die Beforschung von Zusammenhängen zwischen Gesellschaft und diskursiver Praxis geht. In theoretischer und methodischer Hinsicht wollen wir daher im Folgenden die kritische Diskursanalyse nach dem diskurshistorischen Ansatz (DHA) um Überlegungen aus der Medienlinguistik und der Erforschung computervermittelter Kommunikation (CMC) ergänzen, und auf diese Weise ein analytisches Grundgerüst für die kritische Online-Diskursanalyse erarbeiten. Im Rahmen einer explorativen Studie findet unser Ansatz in einer Analyse von zwei exemplarischen Leserkommentar-Threads Anwendung, die in den Foren der Online-Zeitung derStandard.at in der Rubrik „Bildung & Integration“ veröffentlicht wurden. Wir konzentrieren uns hierbei auf folgende drei Zugänge: (1) Online-Diskurse müssen zunächst in einem größeren Kontext hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung untersucht werden. Leserkommentar-Foren sind etwa Bestandteil einer Tendenz, die zunehmend das klassische ProduzentIn-RezipientIn-Verhältnis auflöst und die Medienlandschaft massiv verändert. Institutionelle Foren, wie jenes auf derStandard.at, orientieren sich an diskursethischen Vorstellungen, die sich in Forenregeln manifestieren und