3. Januar 2003 / Feuilleton Das Karma der Klone Im Buddhismus erledigt sich mancher biopolitische Konflikt, weil es keinen Schöpfergott gibt und auch kein Ich Von Jens Schlieter Noch ist nicht klar, ob das erste geklonte menschliche Wesen das Licht der Welt tatsächlich erblickt hat. Auf jeden Fall hat die Ankündigung bereits die Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen neuer biomedizinischer Verfahren neu entfacht. Wie stellen sich buddhistische Bioethiker und Schuloberhäupter zu solchen in Aussicht stehenden technologischen Novitäten? Es ist auffällig, daß sich an neuen Biotechniken, die im Westen die Gesellschaft erregen, in buddhistisch geprägten Ländern kaum größere Kontroversen entzündet haben. Kommt dabei die Anthropologie und Ethik des Buddhismus zum Tragen? Viele tibetische, thailändische und japanische Buddhisten finden das therapeutische und manchmal sogar das reproduktive Klonen aus anthropologischer Perspektive weniger bedenklich als westliche Philosophen und Theologen. Dies liegt zum einen in einer anderen Auffassung von den Ursprüngen des Lebens. Buddhisten sehen die Erschaffung neuen Lebens nicht als Geschenk Gottes an. Ein von der üblichen geschlechtlichen Zeugung abweichendes Zustandekommen des Menschen impliziert damit nicht, daß sich der Mensch als Schöpfer seiner selbst überhöhe. Da den Buddhisten die Vorstellung eines Schöpfergottes fehlt, ist ihnen zum anderen jenes Kreaturgefühl fremd, das die Grenzen der Gattung Mensch vor Augen führt. Eine Beschränkung auf die menschliche Lebensform, den "Speziezismus" der westlichen Ethik, macht aus Sicht der Wiedergeburtslehre kaum Sinn. Warum sollte sich ein Mensch auf sich selbst bescheiden, wenn seiner Existenz als Mensch zum Beispiel ein Leben als Tier folgt? Die Buddhaschaft und das Heilsziel des Nirvâna gelten vielen Buddhisten nicht als jenseitige Utopien, sondern sind - vom Sprungbrett einer "guten" Wiedergeburt aus - erreichbar. Kurz: Im Buddhismus verliert das Argument, Menschen müßten ihre Unvollkommenheit und Begrenztheit akzeptieren, seine Überzeugungskraft. Diese im Chor der Religionen ungewöhnliche Stimme reflektiert sich bis in die westliche Literatur. So eröffnet Michel Houellebecq in seinem Roman "Elementarteilchen" den Vorschlag eines Protagonisten, die Menschheit müsse einer "geschlechtslosen und unsterblichen Spezies" das Leben schenken, die die Individualität überwunden habe. Von Anhängern der Offenbarungsreligionen sei diese Idee einhellig abgelehnt worden. Buddhisten dagegen, heißt es in dem Roman, hätten auf die Hindernisse von Alter, Krankheit und Tod hingewiesen und geltend gemacht, daß in bezug auf diese der Buddha das Prinzip einer technischen Lösung nicht unbedingt zurückgewiesen hätte. Sicher ist, daß den Aussagen buddhistischer Gelehrter angesichts des Klonens von Menschen der apokalyptische Unterton fehlt oder sie sogar - wie zum Beispiel der XIV. Dalai Lama - nach den positiven Heilswirkungen fragen, die neuen Technologien innewohnen könnten. Vielleicht, sagte er, könnte die Gentechnik gar den Prozeß der Wiedergeburt und künftiger Befreiung vereinfachen. Auch der thailändische Bioethiker und Theravâda-Buddhist Pinit Ratanakul zieht mögliche Vorzüge des Klonens, etwa kinderlos gebliebenen Paaren künftig zu Nachwuchs zu verhelfen, unvoreingenommen in Betracht: "Wenn keiner der Beteiligten Schmerz und Leid ertragen muß, dann wird der Buddhismus keine Schwierigkeiten haben, die neue Technik zu akzeptieren."