Humanität und Freiheit. Kants Philosophie im Lichte seiner Anthropologie Astrid Wagner Vorbemerkung Ist von der Kantischen Philosophie im Allgemeinen die Rede, denkt man wohl zu- nächst an die drei großen Kritiken und ihre Schlüsselthemen: in der Erkenntnistheo- rie an die Kopernikanische Wende und ihre Konsequenzen, in der Praktischen Philo- sophie an den Kategorischen Imperativ und die Konzepte von Freiheit und Auto- nomie, in der Ästhetik an das freie Spiel von Einbildungskraft und Verstand oder auch an die Funktionsweisen von ästhetischer und teleologischer Urteilskraft. Dar- über hinaus finden Schriften zu Naturphilosophie, Geschichtsphilosophie, zu rechts- philosophischen, gesellschaftskritischen und im weiten Sinne politischen Themen problemlos ihren Platz im Kanon der Kantischen Werke. Doch wie steht es mit der Anthropologie? Wenn man die Philosophie Kants durch die Brille des klassischen Kantianismus oder im Lichte populärer Darstellungen betrachtet, in denen er als Rigorist und welt- fremder Vernunftgelehrter dargestellt wird, mag sie in der Tat wie ein Fremdkörper wirken. Dagegen möchte ich in diesem Aufsatz die These vertreten, dass die An- thropologie in einem noch zu erläuternden Sinne ein Kernstück der Kantischen Phi- losophie bildet, dass sie einen wesentlichen Bezugspunkt und wichtigen Hintergrund für die Ausarbeitung seiner Überlegungen in den unterschiedlichsten Bereichen der Philosophie darstellt. So ist es meines Erachtens kein Zufall, dass die Anthropologie und die darauf bezogenen Reflexionen aus dem Nachlass auch von Kant-Experten Der vorliegende Beitrag wurde angefertigt im Rahmen des vom spanischen Ministerio de Ciencia e In- novación finanzierten Projektes (FFI -/FISO). Für Christa, deren stets konstruktive Kritik und enthusiastische Diskussionsfreude mir fehlen werden. * *